Aufklärung über Gefahren des Schütteltraumas

Puppe als Hilfe
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Dr. Christian Karpinski von der Klinik für Kinderchirurgie und die Diplom-Psychologin Josephin Jahnke
Dr. Christian Karpinski von der Klinik für Kinderchirurgie und die Diplom-Psychologin Josephin Jahnke vom FamilieNetz engagieren sich in der Präventionsarbeit gegen das Schüttteltrauma Holger Ostermeyer, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden
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Mit einer gespendeten Simulationspuppe können nun auch in Dresden die lebensbedrohlichen Folgen des heftigen Schüttelns von Neugeborenen anschaulich demonstriert werden. Eltern krank oder zu früh geborener Babys werden durch das FamilieNetz begleitet und so unter anderem auf die Zeit nach dem Krankenhausaufenthalt vorbereitet. Dabei geht es auch um das Bewältigen von Stresssituationen zu Hause.

Das Schütteltrauma ist die häufigste nicht natürliche Todesursache bei Säuglingen. Schätzungen gehen von einer Häufigkeit von 100 bis 200 Fällen für Deutschland aus. Beim Schütteln schleudert der Kopf unkontrolliert hin und her. Denn der Säugling kann – wegen seiner schwachen Nackenmuskulatur – den Kopf noch nicht allein halten. Die gewaltsamen Bewegungen führen dazu, dass das Gehirn im Schädel hin- und hergeworfen wird. Dabei können Nervenbahnen und Blutgefäße reißen. Rein äußerlich sind diese Verletzungen oft nicht sichtbar. Die akut auftretenden Symptome könnten auch andere Ursachen haben. Typische Anzeichen sind Blässe, Reizbarkeit, Apathie, Erbrechen, Krampfanfälle oder Atemstillstand.

Familien auf Grenzsituation vorbereiten

„Keine Mutter, kein Vater will seinem Baby schaden. Und doch passiert das immer wieder“, sagt Josephin Jahnke. Die Diplom-Psychologin arbeitet im FamilieNetz, einem Versorgungsbereich, der in der Universitäts-Kinderklinik insbesondere für die psychosoziale und spezielle pflegerische Begleitung von Familien zu früh oder krank Neugeborener zuständig ist. Dabei bereitet sie die Familien auch auf die Grenzsituation vor, wenn sich ein Kind über eine lange Zeit nicht beruhigen lässt und 20 Minuten oder in extremen Fällen sogar mehr als eine Stunde durchgehend schreit. In solchen Fällen die Nerven zu verlieren, ist nichts Außergewöhnliches: „Das kann jedem so ergehen“, ist sich Jahnke sicher. „Wir schätzen, dass in Deutschland jedes Jahr bis zu 200 Kinder aufgrund eines Schütteltraumas in eine Klinik gebracht werden. Die Dunkelziffer liegt vermutlich doppelt so hoch. Zwischen zehn und 30 Prozent davon überleben die dabei entstandenen Hirnverletzungen nicht“, sagt Dr. Christian Karpinski von der Klinik für Kinderchirurgie, der zugleich zur Leitung der Kinderschutzgruppe am Universitätsklinikum gehört. 50 bis 70 Prozent der Babys, die mit Schütteltrauma in Kliniken gebracht werden, erleiden schwerste bleibende körperliche und geistige Beeinträchtigungen. Das sind Krampfanfälle, Erblindungen, Sprachstörungen, Lernschwierigkeiten oder Entwicklungsverzögerungen. Lediglich zehn bis 20 Prozent der Säuglinge überleben ein Schütteltrauma ohne bleibende Schäden.

Einsatz der Puppe

Eine der Herausforderungen von Eltern zu früh oder krank geborener Kinder kann darin bestehen, dass sie auf Grund ihrer Unreife häufig und lange schreien und mitunter schwer zu beruhigen sind. Damit Eltern lernen, mit dieser Situation zurechtzukommen und nicht in der Stresssituation überzureagieren, werden sie vom FamilieNetz geschult. Dabei wird nun auch die gespendete Simulationspuppe eingesetzt.

„Nachdem es gelungen ist, auch die medizinische Versorgung von extrem früh oder krank geborenen Babys in hoch spezialisierten Zentren verlässlich auf einem sehr hohen Niveau sicherzustellen, rückte in den vergangenen Jahren die Lebensqualität dieser Kinder und ihrer Eltern stärker in den Fokus“, sagt Prof. Michael Albrecht, Medizinischer Vorstand des Dresdner Uniklinikums: „Mit dem Ziel, auch bei den oft intensivmedizinisch versorgten Neugeborenen so früh wie möglich sichere Eltern-Kind-Bindungen aufzubauen nimmt unser Projekt ‚FamilieNetz‘ hier eine Vorreiterrolle ein. Die Simulationspuppe ist in diesem Rahmen ein praxisnahes Mittel, das die Eltern befähigen kann, auch in Stresssituationen richtig zu agieren.“

Schütteln des Kindes im Affekt

Im Mittel schreien Babys ab der 2. bis zur 6. Lebenswoche zwei Stunden am Tag. Dies reduziert sich danach schrittweise und sinkt nach der 12. Lebenswoche auf durchschnittlich weniger als eine Stunde täglich. Gerade in den ersten Monaten scheinen viele Schreianfälle unvorhersehbar und lassen sich nicht nachvollziehen. In bis zu zehn Prozent dieser Anfälle ist das Baby untröstlich. Alle Versuche der Eltern, das Kind zu beruhigen, bleiben erfolglos. Dies kann bei den Eltern Gefühle der Hilflosigkeit, Frustration und Wut auslösen und schließlich zum Schütteln des Kindes im Affekt führen.

Aussage zu „Dreimonatskoliken“ nicht mehr zutreffend

Die noch immer verbreitete Ansicht, dass das Schreien in den ersten Lebensmonaten auf Probleme des Darmtrakts – sogenannte „Dreimonatskoliken“ – zurückzuführen sei, ist nach heutigen Erkenntnissen nicht mehr zutreffend. Vielmehr gehen die Expertinnen und Experten davon aus, dass das Schreien mit verschiedenen Reifungsprozessen zusammenhängt. In den ersten Lebensmonaten lernt der Säugling in einem Anpassungs- und Reifungsprozess Schlaf- und Wachzustände, Hunger und Sättigung zu regulieren. Insbesondere bei zu früh geborenen Babys können hier Verzögerungen auftreten, sodass die Eltern dieser Kinder häufiger und intensiver mit dem Problem konfrontiert werden.

Vielfältige Ursachen des Schreiens

Der amerikanische Kinderarzt Morris Wessel benannte 1954 Kriterien, nach denen das Schreien eines Säuglings als exzessiv beurteilt wird: Die tägliche Schreidauer liegt über drei Wochen an mindestens drei Tagen der Woche bei mindestens drei Stunden. Das betrifft zwischen fünf und 19 Prozent der Säuglinge. Babys schreien, weil sie ihre Bedürfnisse noch nicht anders ausdrücken können. Sie können erkrankt sein und schreien in der Folge der mit der Erkrankung verbundenen Schmerzen – hier ist unbedingt die kinderärztliche Untersuchung angezeigt. Schreien ist für sie aber auch der einzige Weg zu zeigen, dass ihnen etwas fehlt. „Trösten Sie Ihr Kind, wenn es schreit. So erlebt ihr Kind, dass sie für es da sind, und es kann Vertrauen aufbauen“, sagt Jahnke. Ursachen, weshalb Babys schreien, sind Müdigkeit oder Hunger, das Gefühl, dass es ihnen zu warm oder zu kalt ist, dass sie eine nasse oder volle Windel haben, sie eine zu laute Umgebung stört oder ihnen gerade körperliche Nähe vor allem zu Mutter oder Vater fehlt oder aber auch zu viel wird. „Wichtig zu wissen ist, dass Babys niemals schreien, um ihre Eltern oder andere Menschen zu ärgern. Zu so einem absichtsvollen Handeln sind Babys noch gar nicht in der Lage“, betont die Diplom-Psychologin.

Frühzeitig professionelle Hilfe suchen

Anhaltendes, unstillbares Schreien kann bei den Betreuungspersonen zu starker Erschöpfung und Gefühlen der Hilfslosigkeit, aber auch zu Ärger und Wut führen. Diese Anspannung und Erregung überträgt sich auf das Kind. Zudem können vielen verschiedene Beruhigungsversuche zu einer weiteren Überreizung des Kindes führen: Es entsteht ein Teufelskreis und die Beziehung zwischen Säugling und Bezugsperson ist zunehmend gestört. Deshalb sollten sich Eltern, die vom Schreien ihres Kindes stark verunsichert sind, sich erschöpft fühlen und in Folge dessen ihrem Kind gegenüber negative Gefühle empfinden, frühzeitig professionelle Hilfe suchen. Hierfür stehen die kinderärztlichen Praxen, die sogenannten Schreiambulanzen oder die Familien- und Erziehungsberatungsstellen zur Verfügung. Die Stadt Dresden selbst unterhält die (Schrei-)Babysprechstunde; am Universitätsklinikum sind beispielsweise das FamilieNetz in der Nachsorge und das Sozialpädiatrische Zentrum der Klinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin oder die Mutter-Kind-Ambulanz der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik zuständig. Hier finden Sie eine Suchmaschine für Schreiambulanzen nach Plz/Ort.

Quelle: idw/ Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden

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