Albert Neisser (1855–1916)

Dermatologe, Bakteriologe und 
Sozialhygieniker, 
Entdecker des Erregers der Gonorrhö
Christof Goddemeier
Porträt von Albert Neisser
Albert Neisser, 1910 © Alfred Graetzer (1875–1911), public domain via Wikimedia Commons
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Albert Neisser zählt zu den bedeutenden Dermatologen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, mit Edmund Lesser und Paul Gerson Unna bildet er das Gründungstrio der deutschen Dermatologie. Enorm vielseitig arbeitete er klinisch, therapeutisch und wissenschaftlich. Zeitlebens beschäftigten ihn vier Haupt­themen: Gonorrhö, Syphilis, Lepra und Tuberkulose.

Auf seinem Fachgebiet interessierte er sich vor allem für Lupus-Erkrankungen, Lichen ruber und Urtikaria. 1879 publizierte er im „Centralblatt für die medizinischen Wissenschaften“ eine vierseitige Arbeit mit dem Titel „Über eine der Gonorrhoe eigentümliche Micrococcusform“ – der Erreger der Geschlechtskrankheit Gonorrhö war gefunden. Er wurde nach seinem Entdecker Neisseria gonorrhoeae genannt, das sind gramnegative Kokken, die zur Familie der Neisseriaceae gehören.

In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts etablierte sich die ­Dermatologie als eigenständiges Fach. Damit waren nicht mehr Bader und Chirurgen für Erkrankungen der Haut und Geschlechtsorgane zuständig. An vielen Universitäten wurde die Heilkunde der Haut gelehrt, und eine zunächst kleine Zahl von Ärzten absolvierte eine Facharztausbildung. Dabei erhielt das neue Fach Anregungen aus anderen Fächern der Medizin, etwa Anatomie und pathologischer Anatomie, Physiologie und Innerer Medizin. Der Aufstieg der neuen Disziplin hing maßgeblich mit den großen Entdeckungen der Bakteriologie zusammen. Diese wurden wesentlich durch Verbesserungen histologischer Verfahren ermöglicht: Der Pathologe Karl Weigert (1845–1904) war einer der Lehrer Neissers. Er machte als Erster Bakterien mit Farbstoffen sichtbar und führte 1875 Anilinfarbstoffe in Histologie und bakteriologische Diagnostik ein. In Xylol und Chloroform gelöster Kanadabalsam wurde in der Mikroskopie verwendet, um wasserfreie Präparate zu konservieren. Holzessig verfügte über antimikrobielle und konservierende Eigenschaften. Und 1856 entdeckte der britische Chemiker William Perkin das Mauvein, den ­ersten künstlich hergestellten Farbstoff. Der tschechische Mediziner Johannes Purkinje (1787–1869) begründete mit anderen die Histo­logie. Zusammen mit Adolph Oschatz (1812–1857) entwickelte er in Breslau das Mikrotom und führte es in die Diagnostik ein. Damit war es möglich, sehr dünne Schnittpräparate herzustellen.

Die Dermatologie etablierte sich vor allem dort, wo anatomische und pathologische Forschung mit besonderem Engagement betrieben wurde. In Wien und später in Breslau entstanden dermatologische Fachzentren, die hohe internationale Reputation genossen. In anderen europäischen Ländern bestimmten dagegen eher einzelne Vertreter des Fachs das Niveau.

Strenge Erziehung durch den Vater

Albert Neisser wurde 1855 im schlesischen Schweidnitz geboren. Er entstammte einer alten Ärztefamilie, auch sein Vater, Moritz Neisser, war ein angesehener Arzt, vor allem bekannt als Badearzt in Char­lottenbrunn. Zudem übersetzte er die Werke des New Yorker Arztes George Beard, der 1869 die „Neurasthenie“ als neues Krankheitsbild einführte. Sein Vater vermittelte Neisser früh ärztliche Pflichten und Verantwortungsgefühl. Sein Schüler Jean Schäffer berichtete diese Anekdote: „Immer, wenn Albert ins Zimmer kam, sagte der Vater: ‚arbeite‘. Und sein jüngerer Bruder (…) nannte seinen älteren Bruder ‚Arbeite‘, weil er glaubte, dass dies sein Vorname sei (…).“ Neissers Mutter Luise Kremser starb im Jahr seiner Geburt. Sein Vater heiratete später Marie Steinthal, die einer Hamburger Kaufmannsfamilie entstammte. Die beiden hatten einen weiteren gemeinsamen Sohn.

In der Dankschrift für die Glückwünsche zu seinem 25-jährigen Dienstjubiläum als Professor schrieb Neisser 1907: „Wenn ich, und Sie Alle mit mir, unsere Patienten nicht als ‚Material‘ und ‚Journalnummern‘ und ‚Fälle‘ behandeln, sondern wenn wir uns bestreben, ihnen als kranken, des Rates und der Hilfe bedürftigen Menschen etwas zu leisten, wenn wir nicht nur Medizin und Salben verschreiben, sondern uns um Essen, Trinken und Schlafen, überhaupt um das Wohl­befinden unserer Kranken mühen, so ist das bei mir, vielleicht unbewusst, aber tatsächlich ein Resultat der Erziehung, die mir durch Anregung und Lehre und fast mehr noch durch ein Beispiel mein Vater, ein von seinen Patienten treu und anhänglich geliebter Arzt, hat zuteilwerden lassen.“

Neisser besuchte die Volksschule in Münsterberg und ab 1861 das St. Maria Magdalena-Gymnasium in Breslau. Breslau wurde Neissers Heimatstadt, der er zeitlebens treu blieb – 1896 lehnte er sogar einen verlockenden Ruf an die Berliner Universität ab. 1872 bis 1877 studierte er in Breslau Medizin. Hier waren der Pathologe Julius Cohnheim, der Internist Anton Biermer, der Anatom Martin Heidenhain und Robert Koch seine Lehrer. Von Cohnheim übernahm er die Leidenschaft für die Forschung, Biermer imponierte ihm als erfahrener ­Kliniker, der ehrlich mit eigenen Fehleinschätzungen umging. Von Weigert und Heidenhain lernte er das exakte Arbeiten im Labor und die objektive Bearbeitung wissenschaftlicher Fragen. Mit dem ein Jahr älteren Paul Ehrlich, der 1909 das erste Antibiotikum entdeckte, verband Neisser eine lebenslange Freundschaft. 1882 übernahm er als 27-Jähriger die Leitung der Breslauer Dermatologie. Im Jahr darauf heiratete er Toni Kauffmann, die Ehe blieb kinderlos.

Entdeckung der Gonokokken

Seine Dissertation „Die Echinococcen-Krankheit“ widmete Neisser Anton Biermer. Ursprünglich hatte er vor, sich bei diesem zum Internisten auszubilden, doch Biermer entschied sich für einen anderen Bewerber. Neissers Motive, eine Stelle beim Dermatologen Oskar Simon, Direktor der Hautklinik im Breslauer Allerheiligen-Hospital, anzutreten, sind nicht genau bekannt (S. Schmitz). Er selbst hat es offenbar einmal als Zufall bezeichnet, dass er Dermatologe geworden sei. Anfängliche Erfolge bewogen ihn dazu zu bleiben; nicht zuletzt trug auch das Vorbild Simons dazu bei. Bei ihm lernte Neisser eigenem Bekunden zufolge „nicht nur Dermatologie, sondern auch, wie man eine Klinik leiten und zur Entwicklung bringen muss“. In diese Zeit fiel auch seine Entdeckung der Gonokokken als Erreger der Gonorrhö.

In seiner 1879 erschienenen Arbeit beschrieb Neisser, was er im mikroskopischen Präparat sah: Neben den „dunkel violett-blauen in den wechselndsten Formen erscheinenden Kernen der Eiterkörperchen, deren Protoplasma nur ganz matt gefärbt eben sichtbar ist, eine Anzahl mehr oder weniger zahlreicher Micrococcenhaufen“. Das Aussehen eines einzelnen Bakteriums beschrieb er so: „Die einzelnen Individuen sind kreisrund und auffallend groß (…) fast immer sieht man zwei Micrococcen dicht aneinander gelagert, so dicht, dass sie dem Beschauer den Eindruck eines Organismus hervorrufen, der einer 8 ähnlich, semmel- oder biskuitförmig ist.“ Bezüglich des Vorkommens konstatierte Neisser, dass „jeder von mir untersuchte Gonorrhoe-Eiter nur diese eine Bacterienart (sic!) [enthielt], bis auf einen Fall, der von vornherein im Verdacht einer Komplication mit Ulcus molle urethrae stand. Andererseits fehlte diese Micrococcusform in allen übrigen – reichlich bacterienhaltigen – zur Untersuchung gelangten Eitersorten (…)“ Neisser fasste zusammen: „Es scheinen demnach die vorstehend charakterisirten (sic!) Micrococcen für alle gonorrhoischen Affektionen der Harnröhre, wie des Auges ein constantes Merkmal zu sein, welches in der Tat in wiederholten Fällen mir gestattet hat, die Diagnose auf den spezifisch-gonorrhoischen Charakter des Eiters zu stellen. Ein Zusammenhang mit etwa im Harn vorkommenden Organismen ist deshalb von der Hand zu weisen, weil der Harn-Micrococcus sich in ganz anderer, ebenfalls typischer Weise in langen Reihen und Ketten entwickelt.“

Die Infektion erfolgt, von Ausnahmen abgesehen, durch Geschlechtsverkehr. Neben der Urethralschleimhaut können beim Mann Prostata und Nebenhoden betroffen sein. Bei der Frau können die Bakterien durch den Gebärmutterhals in Uterus, Eileiter und die Bauchhöhle vordringen und eine Salpingitis oder gar Peritonitis ­hervorrufen. Bei Beteiligung der Konjunktiven kann eine eitrige Konjunktivitis resultieren, die vor allem bei Neugeborenen gefürchtet ist. Gonokokken können auch die Rektal- und Pharynxschleimhaut befallen sowie Arthritiden und sogar Endokarditiden verursachen. Wiederkehrende Infektionen sind häufig. Bis zu Neissers Entdeckung behandelte man den „Tripper“ mit adstringierenden Mitteln. Neisser schlug eine lokale antiseptische Behandlung vor. Als einer der Ersten benutzte er hierfür Silbersalze und als Erster überhaupt Protargol, eine Silbereiweißverbindung. Heute besteht die Therapie der Wahl in der Gabe des Antibiotikums Penicillin G.

Rüge für Menschenversuche

Am 10. Oktober 1879 hielt Neisser bei einer Sitzung der Schlesischen Gesellschaft für vaterländische Kultur den Vortrag „Ueber die Aetio­logie des Aussatzes“. 1873 hatte der norwegische Arzt Gerhard Hansen in einem handgeschriebenen Bericht an die Norwegische Medizinische Gesellschaft postuliert, dass es sich bei der Lepra um eine Infek­tionskrankheit handele. Zudem erwähnte er, in den Wunden von Leprakranken Bazillen beobachtet zu haben. Bereits knapp 30 Jahre zuvor hatte sein Landsmann Daniel Danielssen Zeichnungen mikroskopischer Bilder von Leprapräparaten veröffentlicht, die stäbchenförmige Gebilde zeigten. Danielssen erkannte sie indes nicht als Lepraerreger. In Prioritätsstreitigkeiten mit Hansen beschränkte Neisser sich schließlich darauf, den Leprabazillus als Erster mittels Färbung dargestellt zu haben.

Neissers Syphilisforschung erstreckte sich über viele Jahre seines Lebens. Als sich Anfang der 1890er-Jahre erstmals die Möglichkeit abzeichnete, analog der Serumtherapie bei Tetanus und Diphtherie auch Syphiliskranke mit einem Serum zu behandeln, untersuchte er Syphilisseren auf ihre therapeutische Wirkung. Der Erreger war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bekannt. Neisser vermutete einen bakteriellen Erreger und hielt es daher für unbedenklich, acht gesunden Frauen und Mädchen das zellfreie Serum von Syphilis-Patienten zu injizieren, allerdings ohne deren Zustimmung beziehungsweise die Zustimmung der Eltern. Wissenschaftler stellten sich hinter Neisser, in der Öffentlichkeit diskutierte man ethische Fragen der Forschung. 1900 wurde Neisser im Preußischen Abgeordnetenhaus gerügt und das zuständige Ministerium verfügte, Menschenversuche nur nach ausführlicher Aufklärung und mit dem Einverständnis der Probanden zuzulassen. Ver­suche an Minderjährigen wurden grundsätzlich verboten.

Anfang des 20. Jahrhunderts reiste Neisser zweimal für mehrere Monate nach Batavia (heute Jakarta, Hauptstadt Indonesiens) und beobachtete an Orang-Utans Übertragbarkeit und Verlauf der Erkrankung. Er beschäftigte sich mit gesundheitspolitischen Strategien der Bekämpfung von Geschlechtskrankheiten und plädierte dafür, die nach seiner Einschätzung ineffektive Überwachung von Prostituierten durch die Sittenpolizei durch eine medizinische Überwachung zu ersetzen.

 


Literatur (Auswahl)

1.    Kayser F, Bienz K, Eckert J, Lindemann J: Medizinische Mikrobiologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 6. Aufl. 1986.

2.    Neisser A: Über eine der Gonorrhoe eigentümliche Micrococcusform. Centralblatt für die medizinischen Wissenschaften 1879; 28: 497–500.

3.    Schäffer J: Albert Neisser. Lebenswerk. Persönlichkeit. Erinnerungen aus seinem Leben. Berlin: Urban & Schwarzenberg 1917.

4.    Schönfeld W: Kurze Geschichte der Dermatologie und Venerologie und ihre kulturgeschichtliche Spiegelung: ein Entwurf. Hannover-Kirchrode: Oppermann Verlag 1954.

5.    Schmitz S: Albert Neisser. Leben und Werk auf Grund neuer, unveröffentlichter Quellen. Dissertation. Düsseldorf: Michael Triltsch Verlag 1967.

 

Entnommen aus MT im Dialog 07/2026

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