Auftaktsession
Zum Auftakt erklärte Prof. Dr. Lutz Hager, Vorstandsvorsitzender des BMC, das sektorale Gesundheitssystem für gescheitert und wünschte statt weiterer Reformen drei wichtige Steuerungselemente für die Gesundheitspolitik der Zukunft: der Evidenz folgen, die Vergütung anpassen und Freiräume für Vergütung lassen. Er benannte die nächsten Schritte: „Ein zentrales Thema in diesem Jahr ist die Ausgestaltung eines regelhaften und digital erweiterten Primärversorgungssystems. Wir haben die Chance, Versorgungsprozesse jetzt weiterzuentwickeln. Wenn wir nur über Patientensteuerung reden, springt die Diskussion zu kurz. Für mehr Effizienz und besserer Versorgungsergebnisse bedarf es einer vernetzten Versorgung, dafür brauchen wir alle Akteure. Gesundheitsversorgung ist ein Gemeinschaftsprojekt.“
Danach zählte Katja Kohfeld, Staatssekretärin im Bundesministerium für Gesundheit, geplante und in Kraft getretene Gesetzesvorhaben auf, die auf Nutzen stiftende Ergebnisse abzielen sollen. Dr. Florika Fink-Hooijer, Director General HERA aus der EU-Kommission, empfahl einen gefahrenübergreifenden Ansatz für die gegenwärtigen Herausforderungen – Pandemien, Infektionen, Klimawandel, Krieg et cetera –, denn das Gesundheitssystem sei in jeder Krise betroffen! Eine EU-weite Diagnostik mit mobilen Laboratorien hält sie für eine sinnvolle Lösung, um das Infektionsgeschehen zu überblicken und einzudämmen. Vanessa Gstettenbauer, Project Together, hofft für den aktuellen Zeitraum auf mehr Zusammenarbeit, im Gegensatz zum wettbewerbsdominierten letzten Jahrhundert. Ihre Vision: Zivilgesellschaft, Staat, Wissenschaft, Versorgung und Wirtschaft arbeiten koordiniert und zielgerichtet zusammen.
Telemedizin
Mehrere Sessions zu Telemedizin und Digitalisierung zeigen, dass diese (endlich) in der Versorgung angekommen sind, wie mehrere Kassenärztliche Vereinigungen (KV) unter anderem aus Bayern, Nordrhein, Saarland und Niedersachsen berichteten. Ein wichtiger Trend: Die KVen wollen nicht mehr nur verwalten, sondern die Zukunft der ambulanten Versorgung aktiv und konstruktiv mitgestalten. Sie stellten vor, welche Konzepte sie bereits zur Steuerung nutzen, um Kosten sowie wertvolle Personal- und Arztressourcen zu sparen. Sinnvoll ist zudem die Verbindung des Notrufs 112 mit dem 116117-Patientenservice. Diese Möglichkeit, telefonisch oder auch per Webseite/App eine Ersteinschätzung und weiterführende Informationen außerhalb der Praxisöffnungszeiten zu erhalten, muss unbedingt bekannter in der Bevölkerung werden. Denn Patienten möchten schnelle Hilfe, egal wie.
Die KV Baden-Württemberg nutzt ergänzend zur 116117 die Plattform docdirekt, die eine telemedizinische Beratung im Krankheitsfall ermöglicht. Nach der Ersteinschätzung nehmen rund 63 Prozent eine Videosprechstunde auf der gleichen Plattform wahr, mit durchschnittlich 10 Minuten Wartezeit. Mehr als 70 Prozent der Anliegen können vollständig telemedizinisch gelöst werden. Im Hintergrund sorgt die vitagroup für die fortschrittliche Technologie und intelligente Services.
Laut KV Niedersachsen gehören nur circa 2,7 Prozent aller Fälle in die Notfallmedizin und 97 Prozent in die Praxen. Anhand des Projekts KVN.akut zeigte Thorsten Schmidt, stellvertretender Vorsitzender der KV Niedersachsen, wie Telemedizin zum Schlüsselfaktor im Bereitschaftsdienst wird: durch digitale Ersteinschätzung, strukturierte Steuerung und eine nahtlose Verbindung zwischen telemedizinischer und ambulanter Versorgung. Die KVN hat im Zeitraum vom 1. Mai 2025 bis zum 15. Januar 2026 rund 60.000 telemedizinische Behandlungen durchgeführt. Dabei resultierten die Behandlungen in weniger als 20 Prozent mit der Ausstellung eines E-Rezeptes, Krankschreibungen waren nur in ein bis drei Prozent der Fälle nötig.
Digitalisierung
In der Session „Entlastung durch Digitalisierung – zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ wurden (inter)nationale Erfahrungen beleuchtet und diskutiert. Denn: Digitalisierung wirkt nicht automatisch, Wirkung entsteht durch Prozesse, Kooperationen und Mut zur Umsetzung. Selten scheitert es an der Technik, eher am Silo-Denken und an fehlender Verantwortung. Digitalisierung soll Menschen entlasten statt ersetzen, robotische Systeme werden zunächst für Reinigung oder Information eingesetzt, aber auch das spart Ressourcen. In der Dokumentation braucht es mehr standardisierte Schnittstellen statt Post, PDF und Fax. Allerdings ist nicht alles nur Technik, sondern auch Kultur – die gematik hat das mittlerweile verstanden und setzt vermehrt auf Austausch und gemeinsame Entwicklungen mit den Anwendern. Prof. Dr. Henriette Neumeyer, stellvertretende Vorstandsvorsitzende der Deutschen Krankenhausgesellschaft, erklärte: Auch das DigitalRadar habe geholfen, die digitale Situation in Kliniken besser darzustellen – bei der zweiten Erhebung seien Fortschritte erzielt worden. Intersektorales Denken bleibe eine Kernherausforderung!
Künstliche Intelligenz
In einer Session der Transformers – das sind Young Professionals aus verschiedenen BMC-Mitgliedsunternehmen – ging es um die Frage: „KI als Primärversorger, Vision oder bald schon Realität?“ KI ist heute nicht nur in Form von ChatGPT, als Symptomcheck oder zur Arztsuche im Einsatz. Sie entlastet etwa den Alltag des Gesundheitspersonals durch Bürokratieabbau sowie automatisierte Dokumentation, leistet umfangreiche medizinische Literaturrecherche und zeigt Versorgungslücken auf.
Matthias Mieves, stellvertretender gesundheitspolitischer Sprecher der SPD, wagte einen internationalen Vergleich. Deutschland benötige geschützte, digitale Wege ins Gesundheitswesen, andere Länder seien weiter, vor allem beim strukturierten Einsatz. Eine Ausweitung des KI-Einsatzes dürfe nur mit Verlässlichkeit geplant werden, wobei die Prävention ein zentraler Use Case sei. Die KI in Europa solle dem Menschen dienen, daher brauche es klare gesetzliche Rahmen für Entwicklung und Überprüfung sowie eine Regulierung, die Innovation und Vielfalt ermögliche, statt sie abzuwürgen. Es bestehe die Chance, jetzt die Leitplanken richtig zu setzen. Daneben hob er die Umsetzung der elektronischen Patientenakte in Deutschland positiv hervor, weil diese in erster Linie für das Gesundheitspersonal Erleichterungen bringe. Der Nutzen für die Patienten werde sich sekundär ergeben. Wichtig sei hier eine baldige Integration des Impfpasses.
Ein Fazit am Ende des Kongresses: Interaktion und Innovation entstehen, wenn engagierte Verantwortliche miteinander agieren, um die Ecke denken und neue Lösungen finden. Es bleibt dabei: Die Politik muss die Leitplanken setzen und den Akteuren die Freiheit geben, diese auszugestalten, vielleicht über ein „Value Based Gesundheitssystem“ mit einem neuen Ordnungsrahmen für eine sektorenunabhängige, innovative Versorgung!
Entnommen aus MT im Dialog 03/2026
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