Burrill Bernard Crohn (1884–1983)
Nach eigener Aussage hing sein Interesse an der Medizin als Beruf neben anderem auch damit zusammen, dass sein Vater lebenslang an kaum beeinflussbaren Verdauungsbeschwerden litt. „Es war ein Unglück oder vielleicht ein Glück, dass ich den Großteil meiner beruflichen Laufbahn damit verbracht habe, Durchfall und Verstopfung zu studieren“, sagte Crohn. Als er sein Medizinstudium abschloss, war die Gastroenterologie Teil der inneren Medizin und existierte noch nicht als eigenes Fach. Die meisten Patientinnen und Patienten mit Verdauungsproblemen wurden damals in der Chirurgie behandelt.
„Während der Begriff ‚regionale Ileitis‘ nach wie vor die verbreitetste Bezeichnung für die Krankheit ist, haben verschiedene Autoren viele andere deskriptive Namen gefunden, um neue und erweiterte (…) pathologisch-anatomische Aspekte der Erkrankung einzubeziehen“, schreibt Crohn. Während J. Arnold Bargen, Philip Brown und Harry Weber von „Regionale[r] Enteritis“ sprachen, nannten andere sie „Chronische, Narben bildende Enteritis“, „Chronische ulzerierende Enteritis“ und „Segmentale Enteritis“. L. Erb, A. Farmer und R. Colp plädierten für „Ileo-Colitis“, um deutlich zu machen, dass nicht selten auch der Dickdarm betroffen ist.
Neue Erkrankung des Darms
„Ich habe eine neue Erkrankung des Darms entdeckt“, schrieb Crohn 1932 der American Gastroenterological Association (AGA) und bat darum, bei der nächsten Sitzung seine Ergebnisse vorstellen zu dürfen. Zunächst verwendete er den Begriff „terminale Ileitis“, denn in den 14 ersten Fällen waren die krankhaften Veränderungen auf acht bis zwölf Inches (Zoll) des terminalen Ileum beschränkt (1 Zoll = 2,54 cm). Bereits in der ersten Publikation „Regional ileitis; a pathological and clinical entity“ (1932, zusammen mit Leon Ginzburg und Gordon David Oppenheimer) verzichtete Crohn indes auf den Begriff, um mögliche Assoziationen mit Agonie und Tod zu vermeiden (S. Schuchart, M. Warscher).
Crohn wurde 1884 in New York in einer jüdische Familie geboren. Seine Großeltern waren nach der Revolution 1848 aus Deutschland in die USA emigriert. Er hatte zehn Geschwister und wuchs in einer streng orthodoxen Umgebung auf. Erst das Studium an der Columbia University ermöglichte ihm gewisse Freiheiten. 1907 schloss er sein Studium ab und wurde mit einer Arbeit über intraabdominelle Blutungen promoviert. Im gleichen Jahr publizierte der Chirurg Berkeley George Andrew Moynihan (1865–1936) eine Arbeit über die „nonspezifische Ileitis“. Hier beschrieb er die Erkrankung so exakt, dass manche später meinten, die neue Krankheit solle besser seinen Namen tragen.
Bereits während seines Studiums beschäftigte Crohn sich mit Magen, Darm und Bauchspeicheldrüse. Bevor er sich den Darmerkrankungen widmete, untersuchte er die Funktion des Pankreas. Dabei stellte er sich selbst als Proband zur Verfügung, schluckte einen Gummikatheter und erfasste, wie das abgesaugte Pankreassekret sich nach einem Glas Milch veränderte. Als einer von acht aus einer Gruppe von 120 Bewerbern erhielt er eine Assistentenstelle am Mount Sinai Hospital in New York. Sein Freund und Kollege Jesse Shapiro litt an einer entzündlichen Darmerkrankung, ein Motiv für Crohn, sich schließlich ganz auf diese Krankheiten zu konzentrieren. Zudem war bekannt, dass jüdische Menschen häufiger von entzündlichen Darmerkrankungen betroffen sind als andere.
Dauerhafte Anstellung in der Klinik
Das Mount Sinai Hospital setzte seit den 1880er-Jahren die Sigmoidoskopie ein. Das endoskopische Verfahren leistete einen wesentlichen Beitrag, Darmerkrankungen zu differenzieren. Nach jahrelanger Tätigkeit in Pathologie, Klinik und Labor erhielt Crohn 1926 eine dauerhafte Anstellung in der Klinik. Zudem betrieb er in der Stadt eine Praxis. Bald hatte er den Ruf eines Darmspezialisten. Er fand etwa, dass eine operative Therapie bei Duodenalulzera meistens nicht zu einer Linderung der Beschwerden führte.
„(…) regionale Ileitis oder Enteritis ist eine unspezifische entzündliche Erkrankung in der größeren Gruppe der intestinalen granulomatösen Krankheiten. Sie befällt hauptsächlich junge Erwachsene und ist durch eine akute, subakute und chronische Phase nekrotisierender, ulzerierender und Narben bildender Entzündung gekennzeichnet. Ferner ist die Erkrankung bestimmt durch ihre Neigung zur Fistelbildung zwischen angrenzenden Dünndarm- und Dickdarmschlingen, durch externe Fisteln in der Bauchwand sowie häufige rektale Komplikationen mit Eiterbildung“, schreibt Crohn. „Eine unverhältnismäßige Zunahme von Bindegewebe führt häufig zu intestinalen Stenosen und Verschlüssen. Klinisch imponiert die Krankheit durch Fieber, Durchfall, Gewichtsverlust, sekundäre Anämie sowie eine intraabdominelle Raumforderung aus benachbarten entzündeten Darmschlingen, die häufig durch innere Fisteln miteinander verbunden sind. Der Prozess beginnt oder endet üblicherweise an der Ileozäkal-Klappe, Ausnahmen sind selten. Die Erkrankung schreitet aufwärts fort, wobei Darmabschnitte ‚übersprungen‘ werden und gesund bleiben. Es handelt sich um einen fortschreitenden Prozess, der sich langsam oder schnell entwickelt; bei manchen bleibt er 20 Jahre oder länger auf das terminale Ileum beschränkt. Rezidive des entzündlichen Prozesses nach palliativen oder kurativen chirurgischen Interventionen charakterisieren ihn zudem als eine aktive, anhaltende und rezidivierende Erkrankung.“
In seiner Monografie würdigte Crohn seine Vorgänger: „Unspezifische Granulome des Verdauungstraktes, vor allem des Dickdarms, sind seit vielen Jahren bekannt. Die europäische medizinische Literatur liefert zahllose Beispiele für solche entzündlichen Prozesse in Dick- und Dünndarm, manche finden sich sogar im Magen; in diesen Beschreibungen sind zweifellos viele Beispiele dessen enthalten, was wir heute als typische Ileitis oder Enteritis ansehen“, schreibt Crohn. Eine frühe Schilderung der Krankheit stammt vom italienischen Arzt und Anatom Giovanni Battista Morgagni (1682–1771) („Über den Sitz und die Ursachen der Krankheiten, aufgespürt durch die Anatomie“, 1761). 1813 berichteten Charles Combe und William Saunders vor dem „Royal College of Physicians“ in London von einem „einzelnen Fall von Striktur und Verdickung des Ileum“: „Der untere Teil des Ileum, ebenso wie das Kolon, war über eine Länge von drei Fuß verengt auf die Breite eines Truthahnfederkiels.“ John Abercrombie erörterte pathologische Verhältnisse des Ileum und berichtete von Fällen, die der von Crohn beschriebenen Ileitis sehr ähnlich waren. Seine Beschreibung aus dem Jahr 1828 ist Crohn zufolge lehrreich: „Ein Mädchen von dreizehn Jahren begann ein Jahr vor seinem Tod, unter Bauchschmerzen und häufigem Erbrechen zu leiden. Der Beginn des Kolon entlang seinem aufsteigenden Anteil und der untere Teil des Ileum waren in einer Ausdehnung von drei respektive achtzehn Zoll erweitert, die Wandschichten verdickt, außen von einer rötlichen Farbe und innen bedeckt von (…) gut begrenzten Geschwüren, die in ihrer Größe zwischen dem Durchmesser einer Schälerbse und einer Sixpence-Münze variierten.“
Ausschluss der Tuberkulose
Rudolf Virchow beschrieb 1853 einen „entzündlichen faserigen Darmtumor“, 1904 wies der polnische Chirurg Antoni Leśniowski auf die Erkrankung hin. Die englische Literatur beschäftigte sich erst 1907 wieder mit dem Thema, als Moynihan seine Arbeit „The Mimicry of Malignant Disease in the Large Intestine“ publizierte. In Deutschland nahm das Interesse an unspezifischen granulomatösen Entzündungen Anfang des 20. Jahrhunderts zu. Ab 1925 beschäftigten US-amerikanische Autoren sich mit unspezifischen granulomatösen Entzündungen des Intestinaltraktes. Man brachte die Fälle mit traumatischen Ereignissen, etwa Ingestion und Penetration von Fremdkörpern, in Zusammenhang. Histologisch fanden sich Lymphozyten, Fibroblasten, Bindegewebe und neue Blutgefäßformationen mit gelegentlichen Riesenzellen von ungewöhnlicher Größe. Ätiologische Faktoren neben Trauma und Fremdkörpern wurden nicht identifiziert; Tuberkulose, Syphilis und Aktinomykose (Strahlenpilzerkrankung) schloss man aus. Moynihan lieferte eine präzise Beschreibung, doch Crohn, Ginzburg und Oppenheimer legten anhand ihrer 14 Fälle die pathologischen und klinischen Merkmale der Erkrankung dar. Zudem konnten sie belegen, dass frühere Fälle als „Darm-Tuberkulose“ diagnostiziert worden waren. Die Erkrankten waren alle am Mount Sinai Hospital operiert worden und mit zwei Ausnahmen zwischen 17 und 40 Jahre alt – typisches Erstmanifestationsalter der Erkrankung.
1949 schreibt Crohn: „Die wahre Ursache der Ileitis bleibt trotz sorgfältiger Versuche, ein bakterielles oder spezifisches Agens als verursachenden Faktor zu identifizieren, unbekannt.“ Von höchster Bedeutung war für ihn, „Tuberkulose als spezifisches infektiöses Agens auszuschließen. Manche Verwirrung in der Vergangenheit resultierte daraus, dass man Fälle von unspezifischer Ileitis in die Gruppe der hypertrophischen Ileozäkal-Tuberkulose eingeschlossen hat.“
Heute versteht man Morbus Crohn und Colitis ulcerosa als chronisch entzündliche Darmerkrankungen (CED), die „aus einer inadäquaten angeborenen und adaptiven Immunantwort auf kommensale Mikrobiota in genetisch suszeptiblen Individuen“ resultieren (D. Baumgart).
Als wesentliche epidemiologische Faktoren werden die ethnische Herkunft, die Präsenz von Suszeptibilitätsregionen auf mindestens zwölf Chromosomen, geografische Faktoren und die Lebensweise genannt. Beide Erkrankungen findet man vorwiegend im Gastrointestinaltrakt, doch alle Organsysteme können betroffen sein. Am häufigsten finden sich muskuloskelettale, dermatologische, okuläre und hepatobiliäre Manifestationen. Diese muss man von sogenannten assoziierten Autoimmunerkrankungen unterscheiden, etwa Asthma, Thyreoiditis, Multiple Sklerose und Myasthenia gravis. Eine Heilung ist weiterhin nicht möglich, doch diagnostische und therapeutische Möglichkeiten haben sich deutlich verbessert.
Auch Crohn vermutete, dass regionale Ileitis und Colitis ulcerosa zusammen auftreten können, und wies nach, dass Colitis ulcerosa maligne entarten kann. Beide Erkrankungen behandelte er mit Steroiden. 1939 schlugen zwei britische Ärzte vor, die neue Erkrankung nach ihm zu benennen – zur Vereinheitlichung der Beschreibung und um seine Verdienste zu würdigen. Crohn selbst verwendete die Bezeichnung zeitlebens nicht. Er veröffentlichte mehr als 150 Fachtexte sowie vier Bücher und wurde für seine Verdienste vielfach ausgezeichnet. Mit über 90 Jahren praktizierte er noch. Ihm zu Ehren gründete man am Mount Sinai Hospital die Burrill B. Crohn Research Foundation.
Literatur
1. Baumgart D: Diagnostik und Therapie von Morbus Crohn und Colitis ulcerosa. Deutsches Ärzteblatt 2009; 106 (8): 123–33.
2. Crohn B, Ginzburg L, Oppenheimer G: Regional ileitis; a pathological and clinical entity. Journal of the American Medical Association 1932; 99: 1323–29.
3. Crohn B: Regional Ileitis. New York: Grune & Stratton 1949.
4. Schuchart S: Burrill B. Crohn blieb seiner Passion ein Leben lang treu. Deutsches Ärzteblatt 2017; 114 (15): 52.
5. Warscher M: Horizonte: Burrill Bernard Crohn – Die „neue Erkrankung“ des Darms. Österreichische Ärztezeitung 2022; 22.
Entnommen aus MT im Dialog 02/2026
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