Der Bakteriologe und Immunologe August von Wassermann (1866–1925)
Doch Wassermann untersuchte auch die Serumtherapie der Schweineseuche und Behandlungsmöglichkeiten der Schweinepest. Mit Wilhelm Kolle entwickelte er eine Serumtherapie der Meningokokkenmeningitis und forschte zur Chemotherapie von Tumoren bei Mäusen sowie zur Wirkung von radioaktiven Strahlen auf Tumorzellen. In den Jahren 1910–1924 war Wassermann für den Nobelpreis für Medizin oder Physiologie nominiert, doch zu seinem Leidwesen erhielt er ihn nicht – 1919 bekam ihn der belgische Bakteriologe und Immunologe Jules Bordet für seine Arbeiten zum heute sogenannten Komplementsystem. Die von ihm entdeckte Bindung von Antigen und Komplementprodukten wurde die Basis von Komplementbindungsreaktions-Labortests und ermöglichte auch den von Wassermann, Neisser und Bruck entwickelten serologischen Test auf Syphilis.
Die Geschlechtskrankheiten, vor allem die Syphilis, gehören zu den am besten erforschten Krankheiten der Medizingeschichte. Deren Herkunft ist bis heute nicht sicher geklärt. Einige, darunter der Berliner Dermatologe und Sexualwissenschaftler Iwan Bloch und der Dermatologe Hans Haustein, vertraten die These, dass die Syphilis 1493 durch Kolumbus und seine Mannschaft sowie mitgebrachte Gefangene nach Spanien gelangte und sich dann in ganz Europa ausbreitete. Andere, etwa der Medizinhistoriker Karl Sudhoff, postulierten, dass die Krankheit in Europa schon lange vorher, nach Ansicht mancher bereits seit dem Altertum, existiert habe. Einer dritten These zufolge handelte es sich bei der neuen Krankheit nicht um Syphilis, sondern um Frambösie, eine durch Treponema pertenue verursachte, nicht venerische Infektionskrankheit.
Anfang des 19. Jahrhunderts war man noch der Ansicht, dass Gonorrhö und Syphilis zwei Stadien einer Erkrankung seien. 1839 konnte der französische Venerologe Philippe Ricord (1800–1889) diese These jedoch widerlegen. Seitdem ging man von zwei verschiedenen Krankheiten aus und beschrieb bei der Syphilis drei Stadien (Primär-, Sekundär- und Spätsyphilis). An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert erbrachte die medizinische Erforschung der Krankheit wegweisende Entdeckungen, die für die Gesundheitspolitik bedeutsam waren.
Diagnose war schwierig
Das Kunstwort „Syphilis“ leitete der Arzt Girolamo Fracastoro (circa 1478–1553) vom Hirten Syphilus ab, der in seinem Lehrgedicht „Syphilis, sive morbus gallicus“ von einer neuartigen Krankheit befallen wird. Der Begriff „Syphilis“ als Krankheitsname setzte sich erst im 18. Jahrhundert allmählich durch. Im Volksmund wurden die alten Bezeichnungen, etwa „morbus gallicus“ und „Franzosenkrankheit“, weiterhin verwendet. Der Begriff „harter Schanker“ ist auch heute noch gelegentlich anzutreffen.
So lange die Ursachen von Syphilis und Gonorrhö nicht bekannt waren, gestaltete sich die Diagnose schwierig. Das änderte sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts: 1879 beschrieb der Dermatologe Albert Neisser den Erreger der Gonorrhö, nach ihm „Neisseria gonorrhoeae“ genannt. Zehn Jahre später fand der italienische Dermatologe und Bakteriologe Augusto Ducrey den Erreger des Ulcus molle (weicher Schanker), einer vor allem in den Tropen vorkommenden Geschlechtskrankheit: Haemophilus ducreyi. Fortan war es möglich, die Primäraffekte von Syphilis und Ulcus molle zu unterscheiden. 1904 richtete man am Kaiserlichen Gesundheitsamt in Berlin das Institut für Protozoologie ein. 1905 isolierten der Zoologe Fritz Schaudinn und der Dermatologe Erich Hoffmann hier den Erreger der Syphilis, die Spirochäte Treponema pallidum.
August von Wassermann wurde 1866 als zweiter Sohn von Dora Bauer und Angelo Wassermann, einem jüdischen Bankier, geboren. Er studierte in Erlangen und Straßburg Medizin, wurde 1889 approbiert und mit einer Arbeit „Über die Wirkung des Sulfonals“ promoviert, damals ein gängiges Schlafmittel. Ab 1891 arbeitete er im Preußischen Institut für Infektionskrankheiten in Berlin, das Robert Koch gegründet hatte. Ab 1913 bis zu seinem Tod leitete er das Kaiser-Wilhelm- Institut für experimentelle Therapie in Berlin-Dahlem. 1895 heiratete Wassermann Alice von Taussig, die beiden hatten zwei Söhne.
Serodiagnostik der Syphilis
Die Methode zur Serodiagnostik der Syphilis basierte auf der Komplementbindungsreaktion. Jules Bordet und Octave Gengou entwickelten das Verfahren 1901 am Pariser Institut Pasteur. Das Phänomen der Komplementbindung beschrieben Paul Ehrlich und Julius Morgenroth erstmals. Eine der wesentlichen Eigenschaften bestimmter Antikörper besteht in ihrer Fähigkeit, nach Bindung an ein Antigen die Komplementkette zu aktivieren. Das Komplementsystem besteht aus einer Reihe von im Serum vorkommenden Globulinen. Mittels der Komplementbindungsreaktion kann man überprüfen, ob eine Probe bestimmte Antigene und spezifische Antikörper enthält: Das Komplement, das an sich unspezifisch ist, wird durch ein Signal aktiviert, das von der spezifischen Antigen-Antikörper-Interaktion an das Fc-Stück des Antikörpers geleitet wird. Am Ende der Aktivierungskette entstehen Löcher in der Zellmembran, durch die Inhaltsstoffe der Zelle entweichen können (zum Beispiel Hämoglobin bei Erythrozyten), was zur Hämolyse führt. Die Bindung des Komplements ist demnach der Beweis, dass sowohl Antigene als auch spezifische Antikörper vorhanden sind. Zum Nachweis der Komplementbindung fügt man Hammelerythrozyten hinzu und findet zwei Reaktionsmöglichkeiten: Wenn Antigen-Antikörper-Komplexe vorhanden sind, ist es bereits zur Komplementbindung gekommen. Die Erythrozyten sammeln sich am Boden des Reagenzglases an und bleiben intakt. Wenn keine Antigen-Antikörper-Komplexe vorhanden sind, ist das Komplement frei geblieben und bindet an die Komplexe aus Erythrozyten und Antikörpern, was zur Auflösung der Erythrozyten führt. Hämolyse, das heißt Rotfärbung, zeigt also an, dass eine Probe keine Antikörper gegen die Bakterien enthält (= negativ). Ausbleibende Hämolyse verweist demgegenüber auf das Vorhandensein von spezifischen Antikörpern, die Reaktion fällt positiv aus.
Wassermann zufolge regte Friedrich Althoff, Ministerialdirektor im preußischen Kultusministerium, die Arbeiten an, die letztlich zur Entdeckung der Serodiagnostik der Syphilis führten. Mittels der Komplementbindungsreaktion war es Wassermann und Bruck bereits gelungen, Antikörper gegen Typhusbakterienextrakte festzustellen. Mit dem gleichen Verfahren ließen sich in tuberkulösem Gewebe Tuberkulin und Antituberkulin nachweisen. Um Untersuchungsmaterial für weitere Experimente zu erhalten, wandte Wassermann sich an Neisser, der über Erfahrung hinsichtlich der Übertragung von Syphilis auf Affen verfügte. Bruck zufolge soll die Anregung zur Serodiagnostik der Syphilis mittels der Komplementbindungsreaktion sogar von Neisser ausgegangen sein. Wassermann widersprach jedoch dieser Darstellung.
Am 10. Mai 1906 veröffentlichten die drei Forscher ihre Arbeit. Sie konstatierten, dass sie „eine spezifische serodiagnostische Reaktion auf syphilitisches Material“ entwickelt hatten. Mittels dieser Reaktion konnte man herausfinden, „ob in einem menschlichen Serum oder gewonnenen Immunserum sich spezifische Antikörper gegenüber den Substanzen des Lueserregers befinden (…). Es gelingt andererseits, (…) den Nachweis zu führen, ob ein bestimmtes Organ syphilitische Substanzen beherbergt.“ Der Nachweis war zum einen für die experimentelle Syphilisforschung bedeutsam. Zum andern war es „von der größten diagnostischen und therapeutischen Bedeutung (…), wenn es auch gelänge, regelmäßig den Nachweis syphilitischer Stoffe oder Antikörper im kreisenden Blut von Patienten zu führen“. So ermöglichte die Reaktion, Folgeerkrankungen der Syphilis zu erkennen, etwa progressive Paralyse und Tabes dorsalis sowie Aortenaneurysmen und Aortenklappeninsuffizienzen.
Heilung war plötzlich möglich
Laut Wassermann war die Syphilis weitverbreitet. Er ging in Großstädten von einer Infektionsrate von 12 bis 15 Prozent aus. Vor allem den infizierten Frauen maß er Bedeutung bei, denn sie wussten häufig nichts von ihrer Infektion und wurden daher nicht behandelt. Wassermann sah darin eine große Gefahr für Neugeborene (Lues connata). Zudem war bei Patienten mit latenter Syphilis die klinische Untersuchung häufig nicht hilfreich, weil sichere Symptome einer Infektion fehlen konnten. Nur die Wassermannsche Reaktion erlaubte in diesen Fällen eine sichere Diagnose. Viele Menschen leugneten das Risiko einer Ansteckung, oder dass sie an Syphilis erkrankt waren. Laut Wassermann lag dies daran, „dass die Syphilis durch Vorurteile, die in gar keiner Art und Weise berechtigt sind, quasi als eine der Verachtung preisgebende Krankheit betrachtet wurde (…).“ Er sprach von einer „ganz falsch angebrachten Prüderie, oder einer (…) Heuchelei (…) in unserer Gesellschaftsordnung, dass die Syphilis den Menschen stigmatisiere (…).“ (1910) und postulierte, die Syphilis nicht als Geschlechtskrankheit, sondern als normale Infektionskrankheit anzusehen.
In einem Vortrag vor der Deutschen Pharmazeutischen Gesellschaft sagte Wassermann 1910, dass man bei einer korrekt durchgeführten Reaktion mit positivem Ergebnis immer die Diagnose Syphilis stellen konnte, „ohne einen Patienten je gesehen zu haben (…).“ Im Verlauf äußerte er sich vorsichtiger: „Nie soll und kann die diagnostische Kunst des Arztes durch den (…) Laboratoriumsforscher ersetzt werden. Der letztere darf immer nur ein, wenn auch sehr wichtiger (…) diagnostischer Helfer für den Arzt bleiben, der den Gesamtorganismus zu beurteilen hat.“
Für Wassermann stellte die Syphilis „eine der schwersten Volksseuchen dar (…).“ Doch endlich konnte man dieses „Weltproblem“ lösen, denn mit dem von Paul Ehrlich entwickelten „Salvarsan“ (Farbwerke Hoechst 1910) stand ein wirksames Medikament zur Verfügung. Laut Wassermann war damit bei mehr als 90 Prozent der Patienten eine Heilung möglich (1914). Wenn die Mutter latent an Syphilis erkrankt war, konnte man durch ihre Behandlung eine Infektion des Kindes verhindern. So ließen sich Frühgeburten und Säuglingssterblichkeit reduzieren.
Erst in den 1920er-Jahren gelang es, das Wesen der Wassermannschen Reaktion zu klären. Dabei erwies sich die ursprüngliche Theorie der drei Erstbeschreiber als nicht korrekt, denn der Test weist nicht Antikörper gegen Treponema pallidum, sondern gegen körpereigene Lipoide nach. Mehr als 50 Jahre lang war die Wassermannsche Reaktion üblich, doch im Lauf der Zeit wurden sie und ihre Modifikationen von den sogenannten Flockungsreaktionen abgelöst. Heute verwendet man andere, zuverlässigere Methoden.
Seine Frau Alice heiratete nach Wassermanns Tod erneut und trug den Namen Verheyden. Im Rahmen des Holocaust wurden sie und ihre Schwestern Clara von Hatvany-Deutsch und Helene von Taussig von Nationalsozialisten deportiert und ermordet. Die beiden Söhne Robert und Franz überlebten die Diktatur.
Literatur (Auswahl)
1. Kayser F, Bienz K, Eckert J, Lindemann J: Medizinische Mikrobiologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 6. Aufl. 1986.
2. Krause P: August von Wassermann (1866–1925). Leben und Werk unter besonderer Berücksichtigung der Wassermannschen Reaktion. Dissertation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1998.
3. Sauerteig L: Krankheit, Sexualität, Gesellschaft. Stuttgart: Franz Steiner Verlag 1999.
4. Wassermann A, Neisser A, Bruck C: Eine serodiagnostische Reaktion bei Syphilis. In: Dtsch Med Wochenschr 1906; 32 (19): 745–46.
Entnommen aus MT im Dialog 09/2026
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