Digitalisierung im Norden: Vorbild und Blaupause?
Estland hat eine „gewachsene“ Kultur des Umgangs mit Daten. So begann dort der E-Banking-Service bereits 1996, die E-ID sowie digitale Signaturen liegen seit 2002 vor. Seit 2008 werden medizinische Daten aller Anbieter landesweit in einem Gesundheitssystem gesammelt, E-Rezepte sind seit 2010 Standard. Auch in Finnland werden Gesundheitsinformationen schon lange digital generiert und verfügbar gemacht: Die elektronische Patientenakte „Kanta“ gibt es seit mehr als 20 Jahren. Seit mehr als zehn Jahren stellt man hier Rezepte digital aus. Patientinnen und Patienten sehen die Vorteile: Sie haben lebenslang schnellen, unkomplizierten Zugriff auf ihre Krankheitsdokumentation – Diagnosen, Medikationspläne, Behandlungen, Laborwerte oder Operationen – und können diese mit Behandelnden bequem teilen. Finnland hat ferner die Chancen für die medizinische Forschung erkannt und setzt auf Sekundärnutzung der Daten.
Vergleichende Studie zum Einsatz von KI
Dänemark und Großbritannien nennen die Teilnehmenden einer PwC-Studie zur KI-Durchsetzung am häufigsten als Best-Practice-Beispiele. Beide europäischen Länder, so ein PwC-Sprecher, hätten KI sehr früh mit nationalen Digital- und Versorgungsstrategien verzahnt und breit in die Praxis gebracht.
Die beiden genannten Länder setzen auf eine enge Verbindung von Digitalisierung, KI und Governance. Diese Strategie habe zur Folge, dass Kapazitätsmanagement, Versorgungsintegration und Qualitätsmonitoring von Beginn an durch KI unterstützt werden. Automatisierte Triage, Bilddatenauswertung und durchgängige Datenanalyse seien Use Cases.
Deutschland könne vor allem von der konsequenten Umsetzung lernen, so die Studie: Klar definierte Verantwortlichkeiten, offene Fehlerkultur und transparente Regeln hätten in Dänemark und UK die Akzeptanz und Durchsetzung deutlich beschleunigt. Die Studie zeigt, dass so Innovation schneller in den Klinikalltag kommt und die Versorgungsqualität messbar steigt.
Digital gestützte Gesundheit in Dänemark
Zum Alltag der Däninnen und Dänen gehören Lösungen wie elektronische Patientenakte, E-Rezept und Telemedizin. In Dänemark erhält jeder Bürger zu seiner Geburt eine lebenslange digitale ID, die CPR-Nummer. Sie besteht aus dem Geburtsdatum und vier weiteren Ziffern. Damit kann man alle öffentlichen Services und Behördendienste nutzen.
Ein nationales Patienten-/Gesundheitsdatenregister existiert seit dem Jahr 1977. Daten zu jedem Klinikaufenthalt wurden zugreifbar. Ambulante Behandlungen und Notaufnahmen wurden 1995 integriert, als Dänemarks erste formelle Digitalisierungsstrategie den Weg für die elektronischen Patientenakten in Krankenhäusern ebnete. Die landesweite elektronische Gesundheitsplattform sundhed.dk wurde 2003 eingeführt. Sie bietet eine moderne Bedienoberfläche. Einloggen kann man sich dort mit der CPR-Nummer und einer digitalen Identität, der MitID. sundhed.dk beinhaltet auch Bildgebungsdaten.
Patientenzentrierung bildet ein wichtiges Ziel der Regierung. Für E-Health gibt es ein nationales E-Health-Board, angesiedelt im Gesundheitsministerium. Dieses legt Inhalte der nationalen E-Health-Strategien fest und vermittelt zwischen den Regionen und anderen Akteuren des Gesundheitssystems.
Mit den Jahren konnte Dänemark eine starke Zusammenarbeit zwischen Gemeinden, Regionen und der Zentralregierung aufbauen. Dies hatte eine solide digitale Infrastruktur zum Ergebnis und führte zu zahlreichen Self-Service-Angeboten. 1994 wurde die staatlich finanzierte Digital-Health-Agentur MedCom gegründet, die zwischen Zentralstaat, Regionen und Kommunen agiert und für die Entwicklung von Standards und den Datenaustausch zuständig ist. Den Regionen bleibt überlassen, wie sie die digitalen Maßnahmen umsetzen. Sie müssen sich lediglich an die Vorgaben der MedCom halten.
Das gemeinsam genutzte Patientenakten-Verzeichnis ermöglicht Kommunikation und Informationsaustausch in Echtzeit unter Krankenhäusern, Hausärzten, Gemeindevertretern und Apotheken. So stehen Informationen über die aktuellen Medikamente eines Bürgers beziehungsweise einer Bürgerin dem behandelnden Personal stets zur Verfügung. Dieses System soll die Patientensicherheit stärken, indem es eine sektorübergreifende Übersicht zu Medikamenten jedes Patienten aufführt und Behandelnde vor unerwünschten Arzneimittelwechselwirkungen warnt.
Komplett standardisiert läuft die Lösung bislang noch nicht, da die fünf Regionen des Königreichs nicht alle denselben IT-Anbieter für das KIS nutzen. Columna ist in Skandinavien weitverbreitet. Für eine echte Interoperabilität ist also noch Arbeit zu leisten. Es gibt auch verschiedene Anbieter für funktionale Bereiche wie Radiologie und Labor oder ambulante Behandlungen beziehungsweise Reha, die sich mithilfe der MedCom austauschen.
Medizinische Fachpersonen dürfen die Patientenakten nur einsehen, wenn sie den jeweiligen Bürger tatsächlich behandeln.

Technologiebeispiel Telemedizin „at home“
Behandlung zu Hause auf Klinikniveau: Patientinnen und Patienten, die nicht zwingend auf die Intensivmedizin eines „Superkrankenhauses“ angewiesen sind, werden zu Hause von interdisziplinären Teams versorgt – bestehend aus Krankenhauspersonal und Pflegefachkräften der Kommune. Zur Linderung des Pflegebedarfs oder bei chronischen Krankheiten erhalten Patienten leicht bedienbare Tablets. Vitalwerte werden digital übermittelt und digital überwacht.
Telemedizinische Applikationen wie diese für den Homecare-Bereich sollen Zeitersparnis bei den konsultierenden Ärztinnen und Ärzten, verbesserte Entscheidungen und eine nahtlose sek-torenübergreifende Kommunikation ermöglichen:
die Anwendung Telma für COPD,
das Diabetes-Versorgungsmodell über Indblik (Tool zur bedarfsorientierten Betreuung im Krankenhaus) und
Samblik (gemeinsamer Behandlungsüberblick für alle Sektoren).
Zur Etablierung der Telemedizin hat Dänemark die telemedizinische Versorgung über zwei Jahre mit zwei Euro mehr vergütet als die analoge. Danach wurden beide Modelle wieder gleichgestellt … Beobachter erkennen hier eine ähnliche Incentivierung wie bei der Ambulantisierung. Auch bei der Finanzierung ergeben sich also Anregungen für deutsche Rahmengeber.
Zusammenarbeit mit Privatwirtschaft
Eine enge Zusammenarbeit zwischen privaten Anbietern und staatlichen Stellen ist Teil des Erfolgs. In der Bevölkerung stoßen die digitalen Lösungen auf eine breite Akzeptanz, nicht zuletzt wegen leicht handhabbarer Gesundheitsanwendungen wie der MyDoctor-App von Trifork. In dieser Applikation – als Beispiel – können Patientinnen und Patienten insbesondere Rezepte und Medikamentenpläne hinterlegen. Zum Erfolg der App trug bei, dass medizinisches Personal ebenso wie Patienten früh in die Entwicklung einbezogen wurden. „Durch eine vorbildliche Digitalisierungsstrategie wurde eine staatlich finanzierte Versorgung auf höchstem Niveau geschaffen“, so Beobachter.
Seit einer umfassenden Krankenhausreform hat das Land nur noch 21 Großkrankenhäuser, von denen einige über mehrere Standorte verfügen. Fünf Kliniken gelten als Superkrankenhäuser. Ambulanzen für weniger schwere Erkrankungen bestehen ebenfalls. Die sechs Millionen Dänen müssen durchschnittlich etwas mehr als 30 Kilometer zum nächsten Krankenhaus anreisen. Umfangreiche Datenschutzdebatten kennen sie nicht.
„Die vielen Möglichkeiten zum Datenaustausch zwischen den Akteuren im Gesundheitssystem haben sich positiv auf die dänischen Bürger ausgewirkt: Die Lösungen sparen Zeit, verbessern die Patientenerfahrung insgesamt und halten die Informationssicherheit in hohem Maße aufrecht“, erklärten Sophie Løhde, Ministerin für Inneres und Gesundheit, sowie Marie Bjerre, Ministerin für Digitalisierung und Gleichstellung. „In diesem Zusammenhang ist Vertrauen (in der Bevölkerung) eine entscheidende Voraussetzung für die Datenerhebung. Und dieses Vertrauen muss unbedingt gehalten werden.“
Perspektiven
Ab dem 1. Januar 2027 erfolgt ein radikaler Wechsel im dänischen Gesundheitssystem, denn dann werden die Krankenhäuser verantwortlich für alle Sektoren und die gesamte Patientenreise sein. Sie verantworten die Zusammenarbeit zwischen Prävention, Behandlung und Rehabilitation. Insbesondere die Rehabilitation war bisher sehr heterogen, hier kommt eine Aktualisierung den Patienten vermutlich zugute.
Wenn man Dänemark größentechnisch mit Deutschland vergleicht, würden rund 500 Krankenhäuser in Deutschland ausreichen, um die gesamte Bevölkerung zu versorgen, vorausgesetzt, sie sind ausreichend spezialisiert. Aufgrund der angestoßenen Krankenhausreform erfolgt hier bereits eine Konsolidierung. „Manche Patienten haben dann zwar weitere Wege, aber eine bessere Behandlungsqualität sollte wichtiger sein als ein kurzer Weg“, sagt Allan Juhl, CEO bei Emento, einem dänischen Patientenportalanbieter, der mittlerweile auch in Deutschland aktiv ist.

Der europäische Gesundheitsdatenraum
Die Nordischen Botschaften stellten bei ihren „Nordic Nights“ am Rande der DMEA 2026 den europäischen Gesundheitsdatenraum in den Fokus. Der EHDS sei ein wichtiger Schritt auf dem Weg zur Integration des Gesundheitsdatenmanagements in Europa, so der Tenor von Panelrunde und Impulsen. Lassen sich die Pionierentwicklungen in den nordischen Ländern zu den Vorgaben des EHDS passend machen?
Eines wurde unter dem Motto „Von der Politik zur Praxis: Umsetzung des EHDS“ jedenfalls deutlich: „Der Erfolg dieser Rahmenvorgabe entscheidet sich nicht in der politischen Gestaltung, sondern in der Umsetzung“, gab Moderatorin Dr. Viola Henke vom bvitg die zentrale Botschaft wieder. Die nordischen Länder verdeutlichten, dass der EHDS keine ferne Vision darstelle. Bereits jetzt ermögliche die verbesserte Datenverfügbarkeit Effizienzgewinne in der Gesundheitsversorgung. Der Datenaustausch, am Patientenpfad entlang, sei in den Nordics Realität. Solche Fortschritte erforderten Investitionen, so die Moderatorin als Hinweis an die Politik. Koordination und Priorisierung seien Herausforderungen, die den Europäern gemeinsam seien.
Hierzulande müssten Rahmenvorgaben noch in großem Maßstab in die operative Wirklichkeit umgesetzt werden, betonte Henke. Hierzu müssten Interessengruppen aufeinander abgestimmt, die Infrastruktur aufgebaut, Interoperabilität sichergestellt und – ganz entscheidend – die richtigen qualitätsvollen Daten zugänglich gemacht werden. Hier beginne die eigentliche Arbeit und hier kommen viele Aktivitäten ins Stocken, fuhr die bvitg-Vize fort.
Die EU-Mitgliedsländer befinden sich in sehr unterschiedlichen Phasen der Umsetzung: Einige stehen noch ganz am Anfang, andere verfügen über jahrelange Erfahrung. Voneinander lernen und den Dialog in ganz Europa aufrechterhalten – so kommen wir gemeinsam voran, erklärte Henke bei der abendlichen Veranstaltung. Jedes Land werde auf dieselbe Hürde stoßen: die Kluft zwischen Politik und Umsetzung. An dieser Stelle entscheide sich, wohin sich der EHDS entwickelt.
Sanktionierung „nichtdigitaler“ Heilberufler
In Dänemark sind Gesundheitsdienstleister („sundhedspersoner“) gesetzlich zur Führung von Patientenakten („journalføring“) verpflichtet. Die Verpflichtung ergibt sich insbesondere aus dem dänischen Autorisationsgesetz für Gesundheitsberufe („Autorisationsloven“) und aus den Vorschriften zur Patientenjournalführung. Die Dokumentation muss zeitnah erfolgen und alle für eine sichere Behandlung notwendigen Informationen enthalten. Missachtung wird als Pflichtverletzung gegenüber der Aufsichtsbehörde bewertet. Dies kann berufsrechtliche Konsequenzen, Lizenzentzug oder im Wiederholungsfall den Verlust der kassenärztlichen Zulassung nach sich ziehen.
Und der Vergleich zu Deutschland?
Gewisse Ähnlichkeiten zeigen sich zwischen MedCom und gematik – die in Deutschland dafür verantwortlich ist, die Telematik-Infrastruktur (TI) zu ermöglichen. Mit TIM, KIM, E-AU, E-Rezept et cetera hat sie schon einige standardisierte Wege geschaffen. Es besteht noch viel Luft nach oben, da die in Deutschland inzwischen verpflichtende ePA (mit Opt-out) noch kaum Einzug in die Versorgung gehalten hat. Auf die Ursachen für die schleppende Digitalisierung im hiesigen Gesundheitswesen ging Philipp Müller ein. Die Gründe, so der Digitalchef im BMG bei den Nordic Nights, lägen unter anderem in strukturellen Rahmenbedingungen wie dem Föderalismus und der Selbstverwaltung. Die Heterogenität der IT-Systemlandschaften und mangelnde Interoperabilität, so sein Tenor weiter, seien wichtige Hemmschuhe. Und: Warum müsse man in Deutschland immer alle Projekte zu 100 Prozent vorbereiten, statt einfach mal zu „machen“?
„Superclinics“ – auch für Deutschland?
Ein beherzter Strukturwandel und ein radikaler Investitionsschub führten im Nachbarland zu Zentralisierung und „Superclinics“. Hierdurch verschwanden viele Kleinstadtkrankenhäuser beziehungsweise sie wurden zu ambulanten Grundversorgungszentren umgewandelt. Diese Strategie lasse sich laut Marc Rehle von RRP Architekten aufgrund der staatlich-zentral gesteuerten Gesundheitsversorgung und der deutlich anderen Bevölkerungsverteilung nicht 1:1 auf Deutschland anwenden. Sichtbar werde die Aufgabe, dass neben der Zentralisierung hochleistungsmedizinischer Kompetenz zugleich eine wohnortnahe Grundversorgung möglich bleiben muss. Hier steuere Dänemark derzeit nach, so Rehle. Auffällig ist im Übrigen auch, dass unter den Ursprungsländern für Medizintourismus Richtung Deutschland die Dänen zwischenzeitlich das größte Nachfrageplus zeigten … ein Indiz für Unterversorgung?
Entnommen aus MT im Dialog 08/2026
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