Also schaue ich zu, wie sie mit effizienten Handgriffen durch die Küche wirbelt. Nach kürzester Zeit ist sie fertig. Dabei ist sie sonst eigentlich der gemütliche, eher bedächtige Typ.
Als wir später zusammen am Esstisch sitzen und das Essen genießen, sagt sie: „Wenn ich in der Küche stehe, denke ich immer, ich habe da etwas von der Arbeit mitgebracht.“
„Wie meinst du das?“
Meine Freundin ist genauso wie ich eine Medizinische Technologin im Labor. Allerdings mittlerweile in Rente.
„Na, im Labor mussten wir alle Arbeiten effizient schaffen, um fertig zu werden. Wir haben alles zeitlich geschachtelt. Während das Eine lief, konnten wir bereits das Nächste beginnen. Alles wurde schnell abgearbeitet. Wir durften keine Zeit verlieren. Und diese Art habe ich in meiner Küche übernommen. Ich kann gar nicht anders, als geschachtelt schnell und effizient zu arbeiten. Das ist mir in Fleisch und Blut übergegangen.“
Ich denke später weiterhin darüber nach, inwieweit mich der Beruf geprägt hat und in meiner Freizeit nachwirkt. Spontan fällt mir nur das Telefon ein. Wir hatten einmal Urlaub in einem Hotel gemacht, dessen Klingelton des Telefons an der Rezeption derselbe war wie der im Labor. Und ich merkte, dass mir bei jedem Klingeln der Puls nach oben ging und in mir ein Gefühl von Stress aufkam.
Ich frage meine Kolleginnen und Kollegen, ob sich etwas vom Labor zu Hause auswirkt.
Zunächst wusste niemand, was ich meine. Doch nach weiterer Erklärung kam sofort: „Klar, ich bücke mich und warte auf das Rappeln der Stifte, die auf die Erde klatschen. Und erst dann fällt mir ein, ich habe ja gar keine Stifte am Pulli!“
Alle lachen, denn sofort wissen alle, was gemeint ist. Unsere Stifte befinden sich üblicherweise in der oberen Tasche des Kasaks. Sobald man sich bückt, rutschen die Stifte aus der Tasche und klappern auf die Erde.
„Bei mir ist es ähnlich“, lacht eine andere Kollegin. „Wenn ich mich zu Hause bücke, fasse ich mich links an die Brust. Im Labor macht das Sinn, damit die Stifte nicht fallen. Na ja, zu Hause eigentlich nicht.“
Wir lachen wieder.
„Habt ihr noch nie links zur Brust gegriffen, um einen Stift zu nehmen … und dann ist da gar keiner?“
Ja, auch das kennen alle.
Eine meiner Kolleginnen lächelt still. „Luisa! Was lachst du? Komm, erzähl, was bei dir ist!“
„Na ja, ich hab mir für zu Hause so eine Beschriftungsmaschine gekauft, wie die vom Labor.“
Dieses Maschinchen kennt sicher jeder. Ein Gerät, etwas größer als ein Taschenrechner, mit dem man Texte auf einen glänzenden Streifen tippen kann. Der Streifen lässt sich aufkleben. Damit haben wir Schubladen und Schränke mit Hinweisen zum Inhalt beklebt.
„Ich finde die Beschriftung so ordentlich“, fährt sie fort. „Das wollte ich auch in meiner Wohnung so.“ Nun prusten doch alle los. Nicht wegen der ordentlichen Beschriftung, sondern wegen der bei uns im Labor. Seitdem wir viele junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter haben, ist die Art der Beschriftung nämlich ausgeartet. Auf einmal heißt der Brutschrank nämlich Brutfrank. Am Lichtschalter steht Lichtwalter, wir haben Teresafilm, Graf Druckola, als ich zur Schere griff, las ich Schnippel Dippel 3000 und neu ist das Schildchen Frotté Mercury am Handtuchhalter.
Auch Luisa lacht. „Nein, so wie ihr denkt, hab ich das zu Hause nicht. Bei mir ist alles seriös beschriftet!“
Aber unser Gespräch hat gezeigt, so ganz loslassen können wir auch in der Freizeit nicht.
Entnommen aus MT im Dialog 09/2026
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