Kennen Sie die Geschichte von Beriberi oder Kakké?
Vor circa 9.000 Jahren wurde die Reispflanze „Oryza sativa“ domestiziert. Ihre Früchte, die Reiskörner, sind vor allem in Asien in gekochter Form bis heute eine wichtige Nahrungsgrundlage. Gleichzeitig ist Reis seit Jahrhunderten tief in Tradition und Kultur dieser Region verwurzelt. Um die Haltbarkeit, das Aussehen und den Geschmack zu verbessern und eine kürzere Kochzeit von braunem Naturreis zu erreichen, wird der Reis damals wie heute geschält. Das Ablösen der Spelzen (unverdauliche Außenhüllen des Reiskorns) erfolgte früher meist durch mechanisches Reiben. Die Körner wurden in Säcken oder auf harten Oberflächen gestampft oder mit Dreschflegeln geschlagen, um die äußere Schale zu entfernen. Wegen des arbeitsintensiven Prozesses der Kleieentfernung war der weiße Reis sehr teuer und eigentlich eher der wohlhabenden Gesellschaft vorbehalten. Ende des 19. Jahrhunderts wurden dann dampfbetriebene Mühlen zum Schälen von Reis eingeführt, die leider neben der harten Schale der Reiskörner auch die vitaminreiche Schicht, das sogenannte „Silberhäutchen“, entfernten. Weißer Reis wurde populär, und vor allem in den Städten ernährten sich die Menschen zum Teil ausschließlich von poliertem Reis.
Neue, rätselhafte Krankheit
Schnell flammte in Fernost eine neue rätselhafte Krankheit namens „Beriberi“ auf, die zahlreiche Todesopfer aus allen sozialen Schichten forderte; es starben Könige und auch Untertanen. Der Begriff Beriberi, übernommen aus dem Indonesischen, bezeichnet den typischen schwankenden Schafsgang der Erkrankten. Die „Seuche“ befiel vor allem Muskeln und Nerven, die Beine wurden schwach, das Gefühl in den Gliedmaßen schwand und die Körper der Erkrankten schwollen an. Im Extremfall starben die Patienten an Herz- oder Atemstillstand. Japan erlebte ab 1886, in der sogenannten „Meiji-Ära“, ausländische Einflüsse und eine Militarisierung, unter anderem in der kaiserlichen Marine. Junge Rekruten wurden mit der Aussicht auf unbegrenzte Mengen an weißem Reis gelockt, damals ein Zeichen des Wohlstands. In der Tat aßen viele Soldaten nichts anderes. Beriberi, in Japan als „Kakké“ bekannt (übersetzt Beinkrankheit), wurde schnell in der japanischen Marine des späten 19. Jahrhunderts zu einem massiven Problem, und niemand wusste, ob es sich um eine Infektion oder gar ein Gift handelte. Der Marinechirurg Takaki Kanehiro (1849–1920) vermutete die Ursache in der Ernährung und startete 1884 einen bahnbrechenden Versuch, das sogenannte „Dubio-Experiment“, in dem er auf zwei Kriegsschiffen während einer langen Seereise unterschiedliche Verpflegung verordnete. Die Besatzung des Panzerschiffs Ryujo erhielt traditionell weißen Reis: 161 Seeleute litten unter Beriberi, und 25 Matrosen starben. Die Mannschaft des Kreuzers Tsukuba erhielt eine abwechslungsreichere Ernährung mit Gerste, Fleisch und Milch. Nur 14 Männer, die sich heimlich weiterhin nur von poliertem Reis ernährten, erkrankten an Kakké. Die Marine besiegte die Krankheit, indem sie die Ernährung umstellte. Man etablierte anglo-indischen Curry aus der britischen Navy, der seit 1908 als Standardkost der japanischen Marine gilt. Jedoch hielt die japanische Armee noch lange an der falschen Theorie einer Infektionskrankheit fest. So starben beispielsweise während des Russisch-Japanischen Kriegs (1904–1905) circa 25.000 Soldaten an Beriberi.
Suche nach einem Krankheitskeim
Um die eigentliche Ursache dieser mysteriösen Krankheit in Asien zu studieren, wurde der junge niederländische Arzt Christiaan Eijkman (1858–1930) 1886 nach Batavia (heute Jakarta) in der damaligen Kolonie Niederländisch-Ostindien (heute Indonesien) gesandt. Eijkman, ein Schüler Robert Kochs (1843–1921), begab sich im neu gegründeten Labor für Bakteriologie und Pathologie auf eine medizinische Spurensuche. Er war sich sicher, dass es sich bei Beriberi um eine Infektionskrankheit handeln müsse, weshalb er nach einem Krankheitskeim suchte. Der Versuch, „Beriberi-Erreger“ in Hühnern zu kultivieren, erwies sich als vergeblich und auch diverse Hygienefeldzüge waren wirkungslos. Und doch zeigten sich zufällig Beriberi-Symptome in einer Gruppe von Hühnerprobanden. Aber während Eijkman sich erhoffte, die Tiere erfolgreich infiziert zu haben, schien der Spuk plötzlich vorbei zu sein und die Tiere waren kerngesund. Schließlich machte Christiaan Eijkman bei der Analyse der Lebensumstände der Vögel eine überraschende Entdeckung. Der Speiseplan des infizierten Federviehs bestand zunächst aus geschältem Reis aus Militärbeständen. Ein neuer junger Koch missgönnte jedoch den Tieren das vermeintlich hochwertige Futter mit den Worten: „Kein Militärreis für zivile Hühner!“ Also wurde an die Hühner fortan brauner Reis verfüttert, woraufhin sie genasen. Dieser Zufall in Hühnergestalt veranlasste Eijkman, gezielte Fütterungsversuche durchzuführen. Nur Hühner, die ausschließlich mit poliertem Reis gefüttert wurden, erkrankten. Von da an war es klar, dass dem geschälten Reis etwas fehlte, was zu einer Mangelkrankheit führte. Wie Kanehiro konnte Eijkman empirisch belegen, dass polierter Reis krank macht, während unpolierter Reis mit intakter Kleieschicht schützt.
Nobelpreis für neue Erkenntnis
Diese Mangeltheorie erhielt 1895 eine weitere ungeplante Bestätigung durch Adolphe Guillaume Vorderman (1844–1902), Inspektor des Zivilmedizinischen Dienstes in Niederländisch-Indien. Vorderman führte eine Studie in 101 Gefängnissen auf Java und Madura durch und erhob dazu auch Daten zur Ernährung der Gefangenen. In der 1897 unter dem Titel „Onderzoek naar het verband tusschen den aard der rijstvoeding in de gevangenissen op Java en Madoera en het voorkomen van beri-beri onder de geïnterneerden“ (Untersuchung zum Zusammenhang zwischen der Art der Reisernährung in den Gefängnissen auf Java und Madura und dem Auftreten von Beriberi unter den Inhaftierten) veröffentlichten Untersuchung kam er zu dem Ergebnis, dass Beriberi auftrat, sofern die Mahlzeiten der Gefangenen ausschließlich aus poliertem Reis bestanden. Dass das Fehlen von bestimmten Nahrungsmittelbestandteilen der Auslöser von Krankheiten sein kann, wurde dann erstmals von dem Engländer Frederik Gowland Hopkins (1861–1947) postuliert, der als Begründer der Vitaminforschung gilt. In London isolierte der Biochemiker Casimir Funk (1884–1967) dann aus Reiskleie eine neue organische Base. Da er annahm, dass diese eine für das Leben unerlässliche Aminogruppe enthielt, prägte er den Begriff „Vitamin“ (vita = Leben, amin = stickstoffhaltige Verbindung). Eijkman bezeichnete diesen in geschältem Reis fehlenden Nahrungsmittelbestandteil später als „antineuritisches Vitamin“ oder „Antiberiberi Vitamin“ und hatte damit das erste B-Vitamin beschrieben. Hopkins und Eijkman teilten sich 1929 den Medizin-Nobelpreis für diese Erkenntnisse. Parallel begann eine gezielte Spurensuche im Reagenzglas, um den Wirkstoff aus der braunen Haut des Vollkornreises zu isolieren. Wissenschaftler weltweit machten sich auf, diesen unsichtbaren Faktor aufzuspüren und zu isolieren. Er entpuppte sich als die wasserlösliche B-Vitamin-Familie mit acht ganz unterschiedlichen Mitgliedern. Das erste isolierte und beschriebene Vitamin der B-Gruppe war Eijkmans Nahrungsmittelbestandteil zur Verhinderung von Beriberi: das Vitamin B1, auch Thiamin genannt („Thia“ griechisch für Schwefel, weil das Vitamin ein Schwefelatom im Molekül besitzt). Die Erkenntnis, dass Vitamine essenziell für den Metabolismus sind und dass ein Vitaminmangel zu Krankheiten führt, war ein Wendepunkt in der Geschichte der Medizin. Es begann eine neue Ära der Biochemie und zugleich war es der Beginn der modernen Ernährungswissenschaft. Heute wird Thiamin mittels High-Performance Liquid Chromatography (HPLC) gemessen.
Ein gravierender physiologischer Mangel führt zu Herz-Kreislauf-Problemen und auch zu neurologischen Schäden (Gedächtnisstörungen/Amnesie –> Morbus Korsakow) und wird oft ausgelöst durch jahrelangen Alkoholmissbrauch mit einseitiger Ernährung. Im Jahr 2003 sorgte Beriberi in Israel für Schlagzeilen. Säuglinge, die an einer Kuhmilchallergie litten, wurden mit einem Milchersatz aus Soja ernährt. Leider fehlte dem künstlichen Nahrungsmittelersatz das lebensnotwendige Vitamin B1, sodass 20 Babys erkrankten und drei leider starben.
Literatur
1. Carpenter KJ: Beriberi, White Rice, and Vitamin B: A Disease, a Cause, and a Cure. University of California Press, 2000.
2. Bay AR: Beriberi in Modern Japan: The Making of a National Disease (Vol. 24). Boydell & Brewer, 2012.
Entnommen aus MT im Dialog 10/2026
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