Der 61-jährige Simon Leyland ist Brite, lebt aber seit 30 Jahren in Triest. Er übersetzt italienische Literatur ins Englische und umgekehrt englische Literatur ins Italienische. Eines Tages bricht er nach einem Migräneanfall mit Lähmungserscheinungen zusammen und kann vorübergehend nicht mehr sprechen. Seine Tochter Sophia besteht auf einer gründlichen Untersuchung. Als der Radiologe das CT-Bild beurteilt, ist er erschrocken. Eine Verharmlosung des vermeintlichen Befunds ist nicht möglich. Die Diagnose lautete Glioblastom, ein bösartiger Gehirntumor.
Geschockt und im Bewusstsein, nur noch wenige Monate zu leben, macht sich Leyland für den Abschied von seinen Kindern bereit, verkauft den von seiner verstorbenen Ehefrau geerbten Verlag und ordnet seine Angelegenheiten. Nach 77 Tagen stellt sich heraus, dass die Schnittbilder in der Klinik vertauscht wurden. Es gibt gar keinen Tumor. Bei dem verstörenden Anfall handelte es sich um eine besonders heftige Migräne.
Der medizinische Irrtum ist die schicksalhafte Kernpointe der Erzählung. Er zwingt Simon Leyland zur Rückkehr ins Leben und zu neuer Orientierung. Während der eigentliche Auslöser, das Vertauschen von CT-Bildern, nur eine Art Initialzündung ist, folgt der Rest des Lebens eigenen Regeln. Weil das Leben nach der Erlösung nicht mehr das gleiche ist.
Da kommt der Ruf zurück in die Heimat nach London gerade recht. Der Onkel ist gestorben und hat ihm sein Haus vererbt. Was eigentlich nur als kurzer Aufenthalt gedacht war, wird ein Neubeginn in der alten Heimat mit der Wiederbegegnung mit alten Freunden und Weggefährten wie auch mit neuen menschlichen Begegnungen. In den Gesprächen mit alten und neuen Freunden blickt Leyland zurück auf sein Leben, das ihm nun als eine Abfolge von Neuanfängen erscheint.
Pascal Mercier, bürgerlich Peter Bieri, geboren 1944 in Bern, ist ein Schweizer Philosoph und Schriftsteller. Leute wie Bieri schreiben keine normalen Romane, diese Bücher sind mehr als nur Vertreiben der Zeit oder einfach Unterhaltung. Der Reiz des Buches liegt nicht in der Geschichte selbst. Es sind auch nicht nur die zugrunde liegenden, eben auch philosophischen Fragen, die den Leser bei der Stange halten. Es ist die ausgefeilte Sprache, der Reichtum an Bildern, das Abtauchen in die Gedankenwelt einer vielfältig schimmernden Persönlichkeit.
Das Gewicht der Worte
Von: Pascal Mercier, 576 Seiten, Hanser Verlag, ISBN 978-3-446-26569–1, 26 Euro
Entnommen aus MT im Dialog 08/2026
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