Neues Theranostik-Zentrum am Universitätsklinikum Essen

Interview mit Prof. Dr. Ken Herrmann
Die Fragen stellte Mirjam Bauer
Foto von Prof. Dr. Ken Herrmann
Prof. Dr. Ken Herrmann © privat
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Am Universitätsklinikum Essen (UKE) wurde am 30. Juni 2026 das Theranostics Center of Excellence eröffnet, das Prof. Dr. Ken Herrmann leitet. Zuvor war er Adjunct Professor an der Ahmanson Translational Imaging Division des Department of Molecular and Medical Pharmacology der University of California, Los Angeles (UCLA), USA. Im Kurzinterview mit MT im Dialog erläutert er unter anderem, welche Bedeutung Radioisotope, PET- und SPECT-Bildgebung sowie neue Tracer für die personalisierte Diagnostik und Therapie haben. Außerdem geht er darauf ein, welche Rolle Theranostik künftig in der Krebsmedizin spielt.

Wann wurde das neue Zentrum in Essen in Betrieb genommen und wie ist der aktuelle Stand?

Prof. Herrmann: Die feierliche Eröffnung fand am 30. Juni 2026 im Beisein der (damaligen, Red.) Bundesgesundheitsministerin Nina Warken, des NRW-Ministerpräsidenten Hendrik Wüst, der Kulturund Wissenschaftsministerin Ina Brandes, des Parlamentarischen Staatssekretärs Matthias Hauer vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt, des Oberbürgermeisters der Stadt Essen: Thomas Kufen, der Rektorin Prof. Dr. Barbara Albert, der Ärztlichen Direktorin Prof. Dr. Angelika Eggert sowie der AR-Vorsitzenden Bärbel Bergerhoff-Wodopia – alle drei UDE – und vielen weiteren Gästen statt.

Die Inbetriebnahme und der Einzug erfolgen nun sequenziell, sodass wir hoffen, im ersten Halbjahr 2027 „fully operational“ zu sein. Im Rahmen der Erstausstattung gab es ein kompetitives Bieterverfahren, bei dem GE HealthCare als klarer Sieger hervorging. Wir sind darüber sehr froh, weil wir nicht als Kunden, sondern als langfristige Partner wahrgenommen werden wollen – und genau das erreichen wir mit GE HealthCare.

Welche Rolle wird die Theranostik künftig in der Krebsmedizin spielen?

Prof. Herrmann: Die Theranostik gewinnt kontinuierlich an Bedeutung. Nach den Erfolgen bei neuroendokrinen Tumoren und Prostatakarzinomen gibt es nun mehr als 200 Studien zu einer Vielzahl solider Tumoren. Unsere Hoffnung besteht darin, die Theranostik als weitere wichtige Säule in der Krebstherapie zu etablieren – neben Chemotherapie, Immuntherapie, ADCs et cetera.

Wie werden sich Forschung und klinische Anwendung in diesem Bereich weiterentwickeln?

Prof. Herrmann: Insgesamt stehen wir noch ganz am Anfang. Selbst die zugelassenen Therapien sind hinsichtlich des therapeutischen Index noch nicht optimiert. Hier gibt es sehr viel Potenzial für Verbesserungen, etwa in Bezug auf die Applikationsmenge, die Dosierungsschemata und die Kombinationstherapien. Darüber hinaus sehen wir Innovationen im Bereich der Liganden, die als bessere „Binder“ fungieren, im Bereich der Targets für neue Zielstrukturen und im Bereich der verwendeten Radionuklide für Alpha- und Auger-Emitter. Insgesamt stehen wir hier noch ganz am Anfang.

Welche Bedeutung haben Radioisotope sowie die PET- und SPECT-Bildgebung und neue Tracer für die personalisierte Diagnostik und Therapie?

Prof. Herrmann: Die PET- und SPECT-Bildgebung haben unabhängig von der Theranostik – also von der Verbindung mit einer Therapie durch radioaktive Nuklide – eine deutlich steigende Bedeutung. Ein wichtiges, nicht onkologisches Beispiel ist die Amyloid-Bildgebung bei Patienten mit Verdacht auf Alzheimer-Demenz und der Option einer Therapie mit Amyloidantikörpern. Hier hilft die Amyloid-PET bei der Überprüfung, ob tatsächlich Amyloidablagerungen vorliegen. Auch in der Onkologie kann die PET zur Selektion von Patienten vor einer Therapie oder auch zum Monitoring verwendet werden. Die SPECT hingegen spielt eine sehr wichtige Rolle bei den theranostischen Therapien, denn hier kann der Therapieerfolg überprüft werden.

Wie lassen sich diese Ansätze konkret im Klinikalltag umsetzen und welche Herausforderungen ergeben sich beim Ausbau der Infrastruktur sowie beim Zugang zu entsprechenden Verfahren?

Prof. Herrmann: Einige Therapien, beispielsweise PRRT bei NETs und PSMA RLT im mCRPC, sind bereits klinischer Standard. Hinsichtlich der Herausforderungen gilt es, zwischen verschiedenen Ebenen zu unterscheiden. Bei den zugelassenen Therapien ist weiterhin die Zuweisung eine Herausforderung. In Deutschland wird der Großteil der Patienten nicht in Zentren, sondern in der Fläche behandelt; oft werden uns die Patienten zu spät oder gar nicht überwiesen. Daneben gibt es ein strukturelles Problem. Im Vergleich zu vielen anderen europäischen Ländern und auch zu den USA haben wir deutlich weniger PET-Scanner, sodass hier eine Investition in die Infrastruktur notwendig ist. Ein Grund, warum die PET-Infrastruktur im europäischen Vergleich deutlich hinterherhinkt, ist die schlechte Kostenerstattungssituation. Auch wenn sich diese in den letzten Jahren deutlich verbessert hat, ist sie immer noch deutlich schlechter als in vielen anderen europäischen Ländern. Bezüglich der Translation von neuen Therapien sind die Zeitspannen von Erstantrag bis zum „first patient“ deutlich zu lang. In Australien etwa vergehen 42 Tage von der Einreichung bis zur Initiierung.

Auch ein Blick auf die Technologen (MT in der Radiologie) wäre interessant: Wie verändert sich ihr Arbeitsfeld, und wo können sie künftig stärker eingebunden werden?

Prof. Herrmann: Die MT waren schon immer ein zentraler, wenn nicht der wesentliche Bestandteil der diagnostischen Bildgebung. Innovationen im Bereich der PET- und SPECT-Bildgebung wirken sich daher unmittelbar auf ihren Arbeitsalltag aus. Ein Beispiel ist die innovative StarGuide-Next-Gen-Technologie: Hier werden die Kollimatoren automatisch und in kurzer Zeit gewechselt. Dies erleichtert den Arbeitsablauf deutlich und spart Zeit. Gleichzeitig steigt die Bandbreite der möglichen Untersuchungen, wodurch auch die Anforderungen an die MTR und ähnliche Berufsgruppen kontinuierlich steigen. Wichtig ist es mir, zu erwähnen, dass sich auch das Berufsbild der MTR über die Jahre kontinuierlich weiterentwickelt und sich ihnen so die Möglichkeit bietet, mit den verschiedenen technologischen Entwicklungen Schritt zu halten.

 

Entnommen aus MT im Dialog 09/2026

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