Theorie im Dienst der ärztlichen Praxis, Boerhaave-Syndrom

Der niederländische Mediziner, Chemiker und Botaniker Herman Boerhaave (1668–1738)
Christof Goddemeier
Porträt von Herman Boerhaave
Porträt von Herman Boerhaave © Rijksmuseum, Cornelis Troost 1735, Public domain, 
via Wikimedia Commons
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Mit Friedrich Hoffmann (1660–1742) und Georg Ernst Stahl (1659–1734) zählt Herman Boerhaave zu den drei berühmten Ärzten des ausgehenden Barockzeitalters, der Medizinhistoriker Charles Daremberg nannte sie 1870 „ce fameux triumvirat“.

Der Iatrophysiker Hoffmann verstand den menschlichen Körper als eine Art hydraulische Maschine. Die von ihm erfundenen Hoffmannstropfen (Spiritus aethereus) sind ein Gemisch aus Ethanol und Diethylether und kommen etwa bei Schwächezuständen, Synkopen, Neuralgien und Erbrechen zum Einsatz. Zudem erweitern sie die Blutgefäße und senken den Blutdruck leicht. Stahl war Mediziner, Chemiker und Alchemist. Die sogenannte „Phlogiston-Theorie“ geht auf ihn zurück: Am Ende des 17. Jahrhunderts und im 18. Jahrhundert vermutete man, dass diese hypothetische Substanz allen brennbaren Körpern bei der Verbrennung entweicht und bei Erwärmung in sie eindringt. Damit ließen sich Oxidations- und Reduk­tionsvorgänge und das unterschiedliche Potenzial von Verbindungen (heute: ihr Redoxpotenzial) erklären. Als man die Rolle des ­Sauerstoffs bei Verbrennungen immer genauer verstand, trat die Phlogiston-Theorie in den Hintergrund. Heute zählt man sie zu den wissenschaftlichen Irrtümern. Stahls „Anima“-Lehre kann man als frühe Form eines psychodynamischen Krankheits­verständnisses ansehen.

Der Allrounder Boerhaave

Boerhaaves wichtigste Schriften, die „Institutiones medicae“ (1708) und die „Aphorismi“ (1709), dienten als Unterrichtsmaterial an ­vielen europäischen Hochschulen. Erstere fasste die theoretischen Lehrsätze der Medizin zusammen und leitete die Ära der modernen Physiologie und Neurophysiologie ein. In den Aphorismen, einem medizinischen Kompendium, das auch Johann Wolfgang von Goethe zurate zog, beschrieb Boerhaave die Grundlagen der praktischen Medizin. Die „Elementa chemiae“ (1724) lassen den medizinischen Rahmen weit hinter sich. Hier fasste Boerhaave seine Erkenntnisse und analytischen Arbeiten aus vielen Jahren in einem Lehrbuch zusammen. Gleichwohl sprach er sich für eine Trennung von Medizin und Chemie aus und warnte davor, die Erkenntnisse der Chemie einfach auf den Menschen zu übertragen.

Es gibt kaum ein medizinisches Fach, zu dem Boerhaave nichts beigetragen hat. In die Innere Medizin führte er den klinischen Unterricht und in die Neurologie die „morbi nervorum“ (Krankheiten der Nerven) ein. In der Dermatologie plädierte er für die Erforschung von Haut und Behaarung. Augenheilkunde und theoretische Pharmakologie bereicherte er um neue Erkenntnisse, die Urologie verdankt ihm erste Versuche einer medikamentösen Litholyse. Er beschrieb einen Tumor des Mediastinums und entdeckte den Harnstoff. 1724 beschrieb er das nach ihm benannte Syndrom: Plötzlicher und starker intraösophagealer Druckanstieg, meist infolge heftigen Erbrechens, führt zur Ruptur der Speiseröhre – unbehandelt führt sie fast immer zum Tod. Wenn Stahl als der differenziertere Theoretiker und Hoffmann als der geschicktere Praktiker gilt, ergänzen sich bei Boerhaave Theorie und Praxis in idealer Weise (Wolfram Kaiser, Werner Piechocki).

Boerhaave stand sicher der Iatrophysik („iatros“: griech. Arzt) nahe. Sie entwickelte sich im 17. Jahrhundert unter anderem auf dem Boden der physikalisch-mechanistischen Vorstellungen des Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes. Ihr zufolge waren die physiologischen Lebensvorgänge und deren pathologische Veränderungen – im Unterschied zur Iatrochemie und zu Vorstellungen des griechischen Arztes Galen (2. Jahrhundert) – rein physikalisch (als Iatrophysik) und mechanisch (als Iatromechanik) zu verstehen. Diese Sichtweise setzt den menschlichen Körper mit einer Maschine gleich. In seinem „Traité de l’homme“ (Abhandlung über den Menschen, 1662 erstmals posthum erschienen) schrieb Descartes: „Ich unterstelle, dass der Körper nichts anderes ist als eine erdige Statue oder Maschine, die Gott formte (…).“ Etwas später vergleicht er den menschlichen Körper mit einer Uhr und konstatiert, es scheine ihm nicht, dass die von Gott geschaffene Maschine in ihren Bewegungen einen so großen Unterschied zu einer Uhr aufweise. An anderer Stelle findet er, dass sie „unvergleichlich besser konstruiert ist und bewunderungswürdigere Bewegungen in sich hat als irgendeine, die von den Menschen erfunden werden kann.“ Weitere wichtige Vertreter der Iatrophysik neben Descartes und Hoffmann sind etwa Lorenzo Bellini und Giorgio Baglivi.

Therapie mit Menschenliebe gepaart

Im Unterschied zu Stahl verzichtete Boerhaave darauf, ein geschlossenes System zu errichten. Offenbar ging es ihm nicht darum, alles zu erklären. Der Medizinhistoriker Henry Sigerist beschrieb Boerhaave 1954 so: „Das Geheimnis von Boerhaaves Erfolgen ist nicht so sehr in seinen wissenschaftlichen Werken zu suchen als vielmehr in seiner Persönlichkeit als Arzt und klinischer Lehrer. Wer in seinen Umkreis trat, wer ihn am Krankenbett gesehen und gehört hatte, der konnte sich seinem Einfluss nicht mehr entziehen (…) und hatte zeit seines Lebens ein lebendiges Arztideal vor Augen … ein großer Arzt (…), der mit dem feinen Spürsinn des geborenen ­Dia­gnostikers an seine Kranken herantrat, seine Therapie mit ­Menschenliebe paarte und durch einen Vortrag von unerbittlicher Logik seine Zuhörer mitriss.“

Boerhaave wurde 1668 als Sohn eines calvinistischen Dorf­pfarrers und seiner Frau in Voorhout nicht weit von Leiden ge­boren. Aus drei Ehen des Vaters hatte er etliche Geschwister und Halbgeschwister. Sein Vater vermittelte ihm Grundlagen des Lateinischen, Griechischen und Hebräischen. Eigentlich sollte Herman auch Pfarrer werden, ab 1684 studierte er in Leiden Theologie, ­später Philosophie und Medizin. Die 1575 gegründete Leidener Universität verfügte damals über alle Einrichtungen für die medizinische Lehre und Forschung. 1690 wurde Boerhaave in Philosophie, drei Jahre später in Medizin promoviert. 1701 trat er in Leiden eine Stelle als Repetent und Lektor der Therapie an, 1703 auch im Fach Chemie. 1714 erhielt er einen Lehrstuhl für praktische Medizin; 1718 wurde er zudem ordentlicher Professor für Chemie. Dabei deckte er ein gewaltiges Wissensspektrum ab, unterrichtete Methodologie, Physiologie, allgemeine und spezielle Pathologie, Chirurgie, Augenheilkunde, Arzneimittellehre, Chemie und Botanik. Zahlreiche Studenten fanden den Weg nach Leiden. Boerhaaves Schüler Albrecht Haller, der mit seiner Lehre von der Irritabilität und Sensibilität selbst berühmt wurde, schrieb über die Universität und über Boerhaave: „Die berühmte Schule steht itzt in völliger Blüht, wenigstens, was meine Wissenschaft betrifft. (…) Sein Hörsaal war die Pflanzschule der Europäischen Aerzte …“ Die Anziehungskraft dieser Hochschule war auch deshalb so groß, weil den deutschen Universitäten damals die Voraussetzungen für eine profunde medizinische und naturwissenschaftliche Ausbildung fehlten.

Wirkung über Leiden hinaus

Boerhaave war aufgrund seines Wissens überaus angesehen und weithin bekannt; auch Herrscherhäuser suchten seinen Rat. Ein Brief aus China an „Herrn Boerhaave in Europa“ soll ihn ohne Mühe erreicht haben. 1730 erhielt er einen Ruf als Leibarzt der russischen Zarin, den er jedoch ablehnte. Auf der Krankenstation an der Leidener Frauenkirche machte Boerhaave seine theoretischen Kenntnisse der Klinik zugänglich: Der Arzt sei Diener der Natur, deren Bewegungen er zu wecken und zu leiten habe, sagte er in seiner Rektoratsrede 1730. Die „Opinio“ (Meinung) müsse durch ­„Certitudo“ (Gewissheit) ersetzt werden (1715). Das Ausbildungsziel sah er im „vollkommenen Arzt“. Neid auf das Können anderer war ihm fremd. Von seinen beiden Kollegen Hoffmann und Stahl sprach er mit Respekt; doch Stahls Phlogiston-Lehre erwähnte er nie. Den pessimistischen Spruch „Es gibt viele Ärzte dem Namen nach, aber nur wenige der Sache nach“, kommentierte er so: „Wenn man das Gute, welches ein halb Dutzend wahrer Söhne des Äskulap seit der Entstehung der Kunst auf der Erde gestiftet haben, mit dem Übel vergleicht, welches die unermessliche Menge von Doctores dieses Gewerbes unter dem Menschengeschlecht angerichtet hat, so wird man ohne Zweifel denken, dass es vorteilhafter wäre, wenn es nie Ärzte in der Welt gegeben hätte.“

Boerhaaves Therapie war streng kausal ausgerichtet. In seinem „Tractatus de viribis medicamentorum“ (Abhandlung über die Kräfte der Medikamente) legte er seine pharmakologischen Ansichten dar. Unter dem Motto „Simplex veri sigillum“ (Das Einfache ist Zeichen des Wahren) arbeitete er hydrotherapeutisch und diätetisch. Die Wirkung der Medikamente erklärte er mit „kleinen Partikeln“ – Boerhaave zufolge besteht Materie aus kleinen, unteilbaren Partikeln, deren physikalische Eigenschaften die Eigenschaften der Teile des Körpers bedingen.

1710 heiratete Boerhaave Maria Drolenvaux, Tochter einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie, mit der er drei Töchter und einen Sohn hatte. Die zwei jüngsten Töchter und der Sohn starben früh. Boerhaave gelangte zu beträchtlichem Reichtum und erwarb als Familiensitz das Wasserschloss Oud Poelgeest, wo er viele Jahre die heißen Sommermonate verbrachte. Anders als seine beiden Kollegen Hoffmann und Stahl, die viel reisten, blieb Boerhaave bis auf die Aufenthalte in Oud Poelgeest in Leiden. Indem er der ärztlichen Diagnostik und Therapie breiten Raum einräumte, veränderte er die bis dahin vorwiegend pflegende Aufgabe des Hospitals grundlegend. Anamnese, differen­zial­diagnostische Erwägungen, Diagnose, aktueller Status und täglich überprüfte Behandlung wurden zu Prinzipien jedes stationären Aufenthalts. Unter Boerhaaves 178 Doktoranden waren 48 Deutsche, die den Geist ihres Lehrers an die ­Universitäten Göttingen, Halle und Berlin trugen. Vor allem in Österreich etablierten Boerhaaves Prinzipien sich rasch. Hier begründeten Boerhaaves Schüler Gerard van Swieten (1700–72) und Anton de Haen (1704–76) die Erste Wiener Medizinische Schule. Dabei handelte es sich um einen ersten bedeutenden Zeitraum medizinischer Lehre und Forschung sowie praktizierter klinischer Medizin. Dabei wurde besonders das von Kaiser Joseph II. errichtete Erste Allgemeine Krankenhaus richtungsweisend. Mit Kranken­abteilung, Siechen- und Findelhaus, Gebäranstalt und Narrenturm verfügte es über 2.000 Betten.


Literatur

1. Kaiser W, Beierlein C (Hrsg.): In memoriam Herman Boerhaave (1668–1738). Halle (Saale): Wissenschaftliche Beiträge der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg 1969.

2. Rothschuh KE: Von Boerhaave bis Berger. Die Entwicklung der kontinentalen Physiologie im 18. und 19. Jahrhundert mit besonderer Berücksichtigung der Neurophysiologie. Stuttgart: Gustav Fischer Verlag 1964.

3. Seidler E: Geschichte der Pflege des kranken Menschen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 5. Aufl., 1980.

 

Entnommen aus MT im Dialog 01/2026

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