Relative Altersunterschiede beeinflussen diagnostische Entscheidungen

Studie untersucht Alterseffekte bei schulischen Diagnosen sowie ADHS
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Dieses Bild zeigt eine Schulszene, in der ein Kind an einem Tisch sitzt, umgeben von Schulmaterialien wie Buntstiften und einer Brotdose. Im Hintergrund sind weitere Kinder und eine Tafel zu sehen.
© Christian Schwier/stock.adobe.com
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Eine Studie der Bergischen Universität Wuppertal hat untersucht, welchen Einfluss das sogenannte relative Alter hat – also ob ein Kind innerhalb seiner Klassenstufe zu den älteren oder jüngeren gehört.

Die Forschenden Prof. Dr. Janka Goldan vom Institut für Bildungsforschung und Dr. Franz G. Westermaier vom Wuppertaler Institut für bildungsökonomische Forschung (WIB) der Bergischen Universität Wuppertal analysierten Daten von mehr als 67.000 Schülerinnen und Schüler der vierten und neunten Klassen aus den bundesweiten IQB-Bildungstrends. Untersucht wurde, welchen Einfluss das sogenannte relative Alter hat – also ob ein Kind innerhalb seiner Klassenstufe zu den älteren oder jüngeren gehört.

Wahrscheinlichkeit für Diagnosen bei relativ jüngeren Kindern deutlich höher

Das Ergebnis: Kinder, die innerhalb ihres Jahrgangs zu den jüngsten gehören, werden signifikant häufiger als sonderpädagogisch förderbedürftig eingestuft. Besonders deutlich zeigt sich dies in den Förderschwerpunkten Lernen, Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung. Für die Schülerinnen und Schüler der vierten Klasse lag die Wahrscheinlichkeit einer entsprechenden Einstufung um rund 21 Prozent höher, in der neunten Klasse sogar um bis zu 27 Prozent.

Auch bei ADHS – der Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung – zeigen sich signifikante Unterschiede. Viertklässlerinnen und Viertklässler, die zu den jüngsten ihrer Klassenstufe gehören, erhalten etwa 52 Prozent häufiger eine ADHS-Diagnose als ältere Kinder desselben Jahrgangs.

Ein quasi-experimentelles Design

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass bei diagnostischen Entscheidungen nicht nur tatsächliche Lern- und Verhaltensmerkmale eine Rolle spielen, sondern auch das relative Alter eines Kindes innerhalb der Klassenstufe“, erklärt Janka Goldan. „Jüngere Kinder können insbesondere in der Grundschulzeit im Vergleich zu älteren Mitschülerinnen und Mitschülern eher als unaufmerksam, impulsiv oder lernschwächer wahrgenommen werden, obwohl solche Unterschiede häufig entwicklungsbedingt und altersgemäß sind.“

Für ihre Untersuchung nutzten die Forschenden ein statistisches Verfahren, das sich die unterschiedlichen Einschulungsstichtage zwischen den Bundesländern zunutze macht, wodurch ein quasi-experimentelles Design entsteht. Dadurch konnten sie den ursächlichen Einfluss des relativen Alters auf diagnostische Entscheidungen bestimmen.

Diagnosen können Bildungswege langfristig prägen

Ein sonderpädagogischer Förderstatus oder eine ADHS-Diagnose kann dazu beitragen, dass Kinder gezielte Unterstützung erhalten. Gleichzeitig können solche Entscheidungen langfristige negative Folgen für Bildungsbiografien haben, etwa durch veränderte Erwartungen, Stigmatisierung oder schulische Laufbahnentscheidungen.

„Was zunächst ein normaler Entwicklungsunterschied zwischen jüngeren und älteren Kindern ist, kann durch diagnostische Entscheidungen langfristige Auswirkungen auf den weiteren Bildungsweg haben“, sagt Franz G. Westermaier.

Forschende fordern stärker entwicklungsorientierte Diagnoseverfahren

Die Forschenden sprechen sich daher für stärker entwicklungsorientierte und standardisierte Diagnoseverfahren aus. Entscheidungen über sonderpädagogischen Unterstützungsbedarf oder ADHS sollten nicht auf subjektiven Einschätzungen beruhen, sondern das Alter eines Kindes im Verhältnis zu seinen Mitschülerinnen und Mitschülern ausdrücklich berücksichtigen. Darüber hinaus empfehlen sie unabhängige multiprofessionelle Diagnostik und Förderkonzepte, die sich an den individuellen Bedürfnissen und der Entwicklung der Kinder orientieren.

Originalpublikation:
https://journals.sagepub.com/doi/10.1177/00144029261441922

Quelle: idw

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