Die Lösung mit dem Namen „HemaGuide“ erreichte in umfangreichen Tests eine hohe Übereinstimmung mit den Empfehlungen erfahrener Experten. Dies könnte den Zugang zu spezialisierter und individualisierter Krebsmedizin deutlich verbessern. Das Deutsche Krebsforschungszentrum (DKFZ), das Stammzellinstitut HI-STEM und die Medizinische Fakultät Heidelberg der Universität Heidelberg am Universitätsklinikum Heidelberg (UKHD) erarbeiteten gemeinsam unter Leitung von Mirco Julian Friedrich den KI-gestützten Assistenten. Da die Behandlung von Blutkrebs immer komplexer wird, müssen viele Informationen gleichzeitig berücksichtigt werden: die Krankengeschichte, genetische Veränderungen des Tumors, Begleiterkrankungen, durchgeführte Therapien und neue Medikamente. Schwierige Fälle werden deshalb in interdisziplinären Tumorboards besprochen. Weil diese Konferenzen zeit- und personalaufwendig sind und kleinere Kliniken oft keine Spezialisten für seltene Blutkrebsformen haben, soll der neue KI- Assistent unterstützen. Dazu sagte Friedrich: „Das System soll ärztliche Expertise nicht ersetzen, sondern ergänzen. Es kann Tumorboards entlasten und ihr Wissen breiter verfügbar machen – die endgültige Entscheidung trifft aber immer der behandelnde Arzt oder die behandelnde Ärztin.“
Digitales Tumorboard
HemaGuide wertet unstrukturierte Arztbriefe aus, ordnet die enthaltenen Informationen systematisch und kombiniert sie mit aktuellen Behandlungsleitlinien, einer Datenbank aus mehr als 2.000 realen Tumorboard-Fällen sowie mit aktueller Fachliteratur. Auf dieser Grundlage erstellt das System eine nachvollziehbare Therapieempfehlung mit transparenter Begründung. Daneben kann das System die Aufgaben eines molekularen Tumorboards übernehmen und gezielt die genetischen Veränderungen eines Tumors auswerten. Wenn Veränderungen vorliegen, bewertet der Assistent ihre klinische Bedeutung anhand international etablierter Standards, durchsucht die passende Fachliteratur und schlägt ggf. zielgerichtete Therapien vor. Diese molekulare Auswertung dauert im Schnitt weniger als eine Minute, während sie bisher mehrere Stunden dauerte und nur an wenigen spezialisierten Zentren verfügbar war. HemaGuide läuft auf lokalen Krankenhausservern und bietet damit eine hohe Patientensicherheit.
Studien prüften die Übereinstimmung
In mehreren Studien wurde die Verlässlichkeit des Systems überprüft. Bei 45 besonders komplexen Patientenfällen bewerteten erfahrene Hämatologinnen und Hämatologen die Empfehlungen von HemaGuide deutlich besser als die Antworten herkömmlicher KI-Sprachmodelle. Die speziell entwickelte Architektur der neuen Lösung zeigt vor allem bei der Übereinstimmung mit den tatsächlichen Tumorboard-Entscheidungen und bei der Berücksichtigung der individuellen Patientensituation deutliche Vorteile.
Auch die Übertragung auf andere Kliniken wurde bedacht: Ein Test an 555 Tumorboard-Fällen eines unabhängigen Universitätsklinikums umfasste 47 verschiedene Blutkrebserkrankungen – von häufigen bis zu sehr seltenen Formen. Über ein breites Spektrum hinweg stimmten die KI-Empfehlungen in fast 82 Prozent der Fälle mit den Entscheidungen der Expertengremien überein. In einer einmonatigen prospektiven Testphase, in der HemaGuide aktuelle Fälle parallel zu den Ärzten bearbeitete, ohne deren Entscheidungen zu beeinflussen, lag die Übereinstimmung bei knapp 83 Prozent.
Auch weniger erfahrene Medizinerinnen und Mediziner profitierten von der Unterstützung: In einer simulierten Studie erreichten Assistenzärzte, die HemaGuide nutzten, nahezu das Niveau erfahrener Oberärzte. Bei der automatischen Bewertung genetischer Tumorveränderungen stimmte das System zuverlässig mit internationalen Expertenstandards überein. Keine eindeutig krebstreibende Veränderung wurde fälschlich als harmlos eingestuft.
Um zu untersuchen, ob HemaGuide die Behandlungsqualität und die Ergebnisse für Patientinnen und Patienten auch langfristig verbessert, bereitet das Forscherteam derzeit eine klinische Studie vor.
Quelle: DKFZ
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