Chronischer Arbeitsstress: Möglicher Faktor für biologisches Altern
Chronischer Stress am Arbeitsplatz kann die Gesundheit langfristig beeinträchtigen. Ob und wie sich anhaltende berufliche Belastungen auch auf biologische Alterungsprozesse auswirken könnten, steht im Mittelpunkt einer neuen wissenschaftlichen Arbeit, an der Forschende der Semmelweis Universität in Budapest und weiterer Mitgliedsinstitutionen der europäischen Hochschulallianz European University for Wellbeing (EUniWell), wie der Universität zu Köln, beteiligt sind.
Die in der Fachzeitschrift GeroScience veröffentlichte Arbeit „Work stress and healthy aging: A conceptual framework for the Semmelweis study and the Semmelweis-EUniWell workplace health promotion model program“ entwickelte ein Modell, das mögliche Zusammenhänge zwischen beruflichem Stress und biologischem Altern beschreibt und daraus Ansätze für die Gesundheitsförderung am Arbeitsplatz ableitet.
Wie Arbeitsstress mit biologischem Altern zusammenhängen könnte
Biologisches Altern beschreibt Veränderungen im Körper, die nicht allein vom chronologischen Alter abhängen. Chronischer Stress könnte diese Prozesse über verschiedene biologische Mechanismen beeinflussen. Dazu zählen unter anderem eine anhaltende Aktivierung der Stresshormonregulation, Entzündungsprozesse und oxidativer Stress, Veränderungen der DNA-Methylierung, eine Beeinträchtigung der Mitochondrien sowie eine Verkürzung der Telomere.
Dabei betrachten die Forschenden Stress nicht ausschließlich als individuelles Problem. Auch die Bedingungen, unter denen Menschen arbeiten, können eine Rolle spielen: geringe Handlungsspielräume, unklare Rollen, emotionale Belastungen, Konflikte oder fehlende soziale Unterstützung können chronischen Stress begünstigen. Umgekehrt können gute soziale Beziehungen, unterstützende Führung und Möglichkeiten zur Mitgestaltung dazu beitragen, Belastungen abzufedern.
Von der Forschung zur gesundheitsfördernden Arbeitswelt
Eine zentrale Grundlage für die weitere Forschung bildet die sogenannte Semmelweis-Studie an der Semmelweis Universität in Budapest. Sie untersucht die Gesundheit Universitätsbeschäftigter und erfasst neben kardiometabolischen Gesundheitsparametern auch die kognitive Leistungsfähigkeit und biologische Marker des Alterns. Als größte Langzeitstudie ihrer Art in Mitteleuropa soll sie dazu beitragen, Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit besser zu verstehen. Die Basiserhebung begann 2024; über einen Zeitraum von mindestens zwanzig Jahren sind wiederholte Datenerhebungen im Abstand von fünf Jahren vorgesehen.
„Universitäten bieten für solche Untersuchungen besondere Voraussetzungen: Sie sind zugleich Forschungsinstitutionen und große Arbeitgeber mit Beschäftigten aus unterschiedlichen Berufsgruppen und Arbeitskontexten. Die Semmelweis-Studie kann deshalb Zusammenhänge zwischen Arbeitsbedingungen und Gesundheit untersuchen und zugleich Ansatzpunkte für gesundheitsfördernde Veränderungen am eigenen Arbeitsplatz liefern“, sagt Dr. Virág Zábó, Psychologin an der Semmelweis-Universität und Erstautorin der Veröffentlichung.
Auf der Grundlage der Semmelweis-Studie haben die Autorinnen und Autoren das „Semmelweis-EUniWell Workplace Health Promotion Model“ entwickelt. Es verbindet Maßnahmen auf Organisationsebene mit Angeboten für einzelne Beschäftigte. Dazu gehören beispielsweise eine gesundheitsfördernde Gestaltung von Arbeitsplätzen, flexible Arbeitsbedingungen, unterstützende Führung und partizipative Entscheidungsprozesse. Auf individueller Ebene werden unter anderem Ansätze aus der kognitiven Verhaltenstherapie, Achtsamkeit, Schlafoptimierung und körperliche Aktivität berücksichtigt.
Kann die Reduzierung von Stress biologisches Altern beeinflussen?
Die jetzt veröffentlichte Arbeit schafft die konzeptionelle Grundlage für weitere Untersuchungen. Künftige Studien des Forschungsteams werden prüfen, ob sich biologische Alterungsprozesse durch Maßnahmen zur Verringerung von Arbeitsstress beeinflussen lassen.
Dafür könnten unter anderem Messverfahren eingesetzt werden, die das biologische Alter anhand von Veränderungen der DNA abschätzen. Ergänzend könnten Proteinanalysen und kontinuierlich erhobene physiologische Daten dazu beitragen, mögliche Veränderungen biologischer Alterungsprozesse zu erfassen.
Originalpublikation:
https://link.springer.com/article/10.1007/s11357-026-02526-y?utm_source=rct_congratemailt&utm_medium=email&utm_campaign=oa_20260915&utm_content=10.1007%2Fs11357-026-02526-y
Quelle: idw
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