Falsche Patienten-Angaben: Jede dritte Konsultation betroffen
Am 7. April 2026 jährt sich der Weltgesundheitstag zum 76. Mal. Aus gegebenem Anlass macht eine aktuelle YouGov-Befragung unter 312 niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten im Auftrag des Health-Tech-Unternehmens Doctolib auf ein unterschätztes Problem im Praxisalltag aufmerksam. 31 % der befragten Ärztinnen und Ärzte vermuten bei der Hälfte oder sogar bei jeder Konsultation unwahre Angaben bzw. verschwiegene Informationen seitens der Patientinnen und Patienten. 39 % der befragten Ärztinnen und Ärzte haben diesen Eindruck bei etwa einem Viertel der Gespräche und nur 8 % haben diesen nie.
Ergänzend dazu wurde ebenfalls eine Patientenbefragung mit 1.043 Teilnehmern ab dem Alter von 18 Jahren gemacht, bei der 31 % der Menschen angaben, einer Ärztin oder einem Arzt bereits eine wichtige gesundheitliche Information verschwiegen zu haben. Vor allem junge Erwachsene zwischen 18 und 24 neigen mit 45 % dazu, bei jeder oder jeder zweiten Konsultation Informationen wegzulassen, die für die Behandlung wichtig sein könnten. Was das ganze paradox macht, ist dass 87 % der Menschen, die bereits etwas verschwiegen haben, sich darüber im Klaren sind, dass sich daraus Folgen für die Gesundheit ergeben können.
Falsche Diagnosen und schwindendes Vertrauen in die Patient:innen
Eine der häufigsten Folgen sind laut etwa einem Drittel der befragten Ärztinnen und Ärzte falsche oder verzögerte Diagnosen, die mit gravierenden Folgen einhergehen können. Außerdem kann es das Vertrauen in die Beziehung zwischen Ärztin/Arzt und Patientin/Patient mindern oder eine Behandlung erfolgen, die sich als unwirksam herausstellt. Weitere Folgen sind laut 27 % unnötige Untersuchungen und Tests. Laut 26 % ist eine Verschlechterung der Erkrankung möglich. Weitere 26 % machen auf mögliche Wechselwirkungen zwischen Medikamenten aufmerksam.
Dr. med. Ivo David Rimpl, Facharzt für Allgemeinmedizin und Chirurgie am Ärztehaus Weilrod warnt: „Wenn Patientinnen und Patienten wichtige Informationen weglassen, führt das im besten Fall zu unnötigen Kosten durch überflüssige Diagnostik, im schlimmsten Fall sogar zu stationären Aufenthalten und invasiven Eingriffen. Es geht wertvolle Zeit verloren, was je nach Erkrankung die Genesung oder Therapie negativ beeinflussen kann"
Häufig verschwiegene Informationen
Neben dem Verschweigen von Symptomen oder Beschwerden haben Patientinnen und Patienten auch private und soziale Umstände für sich behalten und 24 % auch psychische Probleme und Informationen über ihre mentale Gesundheit. Häufig werden auch ungesunde Lebensstilfaktoren nicht weitergegeben, wie Tabak- und Nikotinkonsum, das Gewicht, Bewegungs- oder Ernährungsgewohnheiten und Alkoholkonsum.
Etwa der Hälfte der Ärztinnen und Ärzte reicht schon die Körpersprache, die durch Merkmale wie Nervosität, ausweichendem Augenkontakt oder zögerlicher Mimik verrät, dass eine Patientin oder ein Patient nicht ganz ehrlich ist. 45 % der Ärztinnen und Ärzte machen es an medizinischen Befunden fest, die nicht zu den Angaben der Patientinnen oder Patienten passen. Viele bemerken außerdem Widersprüche oder vage Aussagen oder verlassen sich auf ihre ärztliche Intuition. Mit 51 % sind sich etwa die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte „eher sicher“ oder „sehr sicher“, dass sie Unehrlichkeit sicher erkennen. 35 % sind unentschieden und der Rest ist sich unsicher oder sehr unsicher.
Emotionale Gründe fürs Schweigen
Häufig wird vermutet, dass unwahrheitsgemäße Aussagen im Behandlungszimmer aus emotionalen Gründen zustande kommen. Eine weitere Vermutung der befragten Ärztinnen und Ärzte ist die Angst vor Verurteilung oder negativer Bewertung, sowie Scham und Peinlichkeit. Etwa 30 % glauben, dass einige Patientinnen und Patienten die Relevanz einiger Informationen unterschätzen. Auch die Vermeidung bestimmter Behandlungen oder Medikamente oder das Spekulieren auf solche, wird als entscheidender Faktor vermutet.
Untermalt werden diese Vermutungen ebenfalls von Patientenbefragungen. 35 % haben vor allem Angst vor Verurteilung, 31 % handeln aus Scham heraus und 30 % gehen davon aus, dass ihre Information irrelevant sei. Um dem Problem der falschen Patientenangaben entgegenzuwirken, macht mehr als ein Drittel der Ärztinnen und Ärzte bei Behandlungen deutlich, wie wichtig vollständige Informationen sind. Sie stellen gezielte Nachfragen an die zu behandelnden Personen und versuchen die Atmosphäre so vertrauensvoll zu gestalten wie möglich. Denn zwei Drittel der Ärztinnen und Ärzte empfindet eine ehrliche Kommunikation als wichtigen Aspekt für den Behandlungserfolg empfunden.
Doch der schnelllebige Praxisalltag verschärft das Problem. Bei knapp einem Fünftel der befragten Ärztinnen und Ärzte dauert ein Patientengespräch nur etwa fünf bis zehn Minuten. Bei etwas mehr Praxen circa 11-15 Minuten. Dabei geben 34 % der Ärztinnen und Ärzte an, dass eine ausreichende Behandlungszeit ein wichtiger Bestandteil für ehrliche Kommunikation ist. Auch Patientenumfragen ergeben, dass sich einige Patientinnen und Patienten mehr Zeit für das Gespräch wünschen würden. Dies würde eine entspanntere Grundlage schaffen, um sensible oder schambehaftete Themen sorgloser anzusprechen.
(Digitale) Fragebögen verleiten zu mehr Ehrlichkeit
Mehr als die Hälfte der Befragten, die bereits unwahrheitsgemäß auf ärztliche Fragen geantwortet haben, empfinden einen vertraulich geführten digitalen Fragebogen als angenehmer. Dieser könnte sich als gute Lösung bewähren, die für mehr wahrheitsgemäße Angaben sorgt. 40 % dieser Befragten geben an, in einem vorab auszufüllenden Fragebogen ehrlicher zu antworten. In vielen Praxen ist das bereits verwirklicht worden: 53 % nutzen Messenger-Systeme oder Patientennachrichten für Anfragen, Rezepte oder Befunde. Knapp die Hälfte der Ärztinnen und Ärzte nutzen eine digitale Patientenaufnahme und nur ein kleiner Teil von 7 % hat sich noch gar nicht digitalisiert.
Eine Vermutung lautet, dass in der digitalen Kommunikation mit einer KI oder einem Fragebogen die vorab genannten Hemmungen wie Scham wegfallen. Die Integration digitaler Tools in die bestehende Praxissoftware könnte dem zentralen Problem entgegenwirken und ist der Wunsch einiger Ärztinnen und Ärzte. 31 % erhoffen sich sichere Kommunikationsmöglichkeiten zwischen Terminen und auch die digitale Eingabe für besonders sensible Themen wird als sinnvoller Schritt eingeräumt.
Quelle: Doctolib
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