Herausforderung Antibiotikaresistenz: Aktuelle Entwicklungen und Strategien
Professor Dr. med. Maria Vehreschild, Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie e. V. (DGI), Leiterin des Schwerpunkts Infektiologie der Universitätsmedizin Frankfurt, zeigte im Rahmen des 17. Kongresses für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT 2026), alarmierende Zahlen im Bereich der Antibiotikaresistenzen auf. Im Jahr 2021 starben weltweit über 1,14 Millionen Menschen direkt an den Folgen einer Infektion mit multiresistenten Erregern; bei 4,71 Millionen waren diese zumindest ein wesentlicher Faktor, der zum Sterben führte. In Deutschland geht das RKI bei mehr als 8.000 Todesfällen jährlich von Infektionen mit multiresistenten Erregern aus. Bis 2050 könnten weltweit 39 Millionen Menschen direkt an solchen Infektionen versterben – das sind drei Todesfälle pro Minute. Besonders betroffen sind dabei Menschen über 70 Jahre, bei ihnen ist die Sterblichkeit durch Infektionen mit multiresistenten Erregern zwischen 1990 und 2021 um mehr als 80 Prozent gestiegen. Gleichzeitig stieg der Antibiotikaverbrauch in Deutschland zwischen 2019 und 2024 um 9,5 Prozent – entgegen den Zielen der nationalen Strategie DART 2030 (RKI, 2025).
Vielversprechende neue Antibiotika und Ansätze
Im Bereich neue Antibiotika wurden in den letzten Jahren in Europa neue Kombinationspräparate zugelassen: Cefepim/Enmetazobactam, Aztreonam/Avibactam und Meropenem/Vaborbactam; diese richten sich speziell gegen Infektionen mit multiresistenten gramnegativen Erregern.
Bei den Mikrobiota-basierten Therapien steht regulatorisch mit der EU-SoHO-Verordnung ab dem Jahr 2027 ein neuer Rahmen bevor, der Spenderstandardisierung und Harmonisierung von fäkalen Mikobiotatransferpräparaten (FMT) verbessern soll. Für den FMT bei rezidivierender Clostridioides-difficile-Infektion (rCDI) ist dies besonders relevant: Bislang ist der Zugang zu qualitätsgesicherten FMT-Präparaten in Europa sehr heterogen –einige Länder betreiben etablierte Stuhldatenbanken, in anderen fehlt ein geregelter Rahmen. Die SoHO-Verordnung dürfte hier zu einer deutlichen Verbesserung der Verfügbarkeit und Standardisierung führen und damit die klinische Implementierung der FMT als Therapie der Wahl bei rCDI europaweit erleichtern. Alternativ dazu entwickelt Vedanta Biosciences das Produkt VE303, ein 8-Stämme-Konsortium zur rCDI-Prävention, das sich aktuell in einer globalen Phase-3-Studie befindet. Auch für die Indikation der intestinalen Dekolonisierung von multiresistenten Erregern sind personalisierte FMT-Ansätze sowie LBPs in der Entwicklung.
Comeback der Bakteriophagen
Bakteriophagen – das sind Viren, die gezielt Bakterien abtöten – erleben ein wissenschaftliches Comeback. Frankreich und Belgien ermöglichen bereits klinische Anwendungen. In Deutschland wurde aktuell unter der Schirmherrschaft der DGI eine AWMF-S2k-Leitlinie entwickelt, die den individualisierten Einsatz hierzulande erlauben soll. Verschiedene klinische Studien zu Phagencocktails und individualisierten Ansätzen befinden sich ebenfalls aktiv oder in Vorbereitung.
Monoklonale Antikörper
Auch monoklonale Antikörper gegen Infektionserreger sind ein wachsendes, noch eher unterentwickeltes Therapiefeld. Der bisher bedeutendste jüngere Fortschritt ist Nirsevimab (Beyfortus) von Sanofi, das seit 2023 europaweit zur Prävention schwerer RSV-Bronchiolitiden bei Säuglingen eingesetzt wird. Im CDI-Bereich entwickelt AstraZeneca mit AZD5148 einen humanisierten Anti-Toxin-B-Antikörper als Nachfolger des inzwischen vom Markt genommenen Bezlotoxumab. Im Bereich multiresistenter Krankenhauserreger arbeitet das DZIF an monoklonalen Antikörpern gegen Pseudomonas aeruginosa, die das Typ-III-Sekretionssystem über das Schlüsselprotein PcrV blockieren. Des Weiteren arbeitet es an antikörperbasierten Strategien gegen MRSA.
KI soll helfen
KI-Algorithmen können beim Screening von vielversprechenden Wirkstoffkandidaten im Bereich von Antikörpern, Antibiotika und Phagen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie haben zudem das Potenzial, Resistenzen von Bakterien gegenüber Antibiotika und Bakteriophagen ohne aufwendige Testungen im Labor vorherzusagen, das spart Zeit und Kosten. Ebenso besteht die Möglichkeit, passgenaue Antibiotic-Stewardship-Programme in Echtzeit mit hoher Effizienz umzusetzen.
Herausforderungen und Handlungsbedarf
Ein zentrales strukturelles Problem bleibt das Marktversagen in der Antibiotikaforschung: Da Antibiotika kurz eingesetzt, schnell ersetzt und niedrig bepreist werden, ist ihre Entwicklung für pharmazeutische Unternehmen wirtschaftlich kaum attraktiv. Nationale Ansätze wie die Reserveantibiotika-Regelung nach § 35a SGB V setzen zwar erste Push-Pull-Anreize, doch eine international koordinierte Lösung – etwa durch übertragbare Exklusivitätsgutscheine oder garantierte Markteinnahmen – fehlt weiterhin.
Auch die fehlende Schnelldiagnostik bleibt ein gravierendes Problem im klinischen Alltag: Da Resistenzprofile oft erst 24 bis 72 Stunden nach Abnahme einer Blutkultur vorliegen, werden in dieser Zeitspanne meist Breitspektrum-Antibiotika eingesetzt – mit dem unerwünschten Nebeneffekt eines stetig steigenden Selektionsdrucks auf resistente Erreger. Darüber hinaus bestehen erhebliche regulatorische Hürden für neuartige Therapieansätze wie Bakteriophagen oder Mikrobiota-basierte Therapien. Insbesondere personalisierte biologische Therapien wie die Bakteriophagen, die bei multiresistenten Erregern vielversprechend wirken, sind in Deutschland bisher nicht einsetzbar. Während Länder wie Belgien und Frankreich bereits pragmatische Rahmenbedingungen geschaffen haben, fehlt eine entsprechende Regelung hierzulande noch.
Herausforderung Antibiotikaresistenz
Antibiotikaresistenz ist eine der drängendsten globalen Gesundheitsbedrohungen unserer Zeit – und sie wird ohne entschlossenes Handeln schlimmer werden. Die gute Nachricht: Das therapeutische Repertoire wächst. Neue Therapien/Verfahren, Bakteriophagen, monoklonale Antikörper und KI-gestützte Ansätze eröffnen Perspektiven, die vor wenigen Jahren noch nicht absehbar waren. Die schlechte Nachricht: Forschungsfortschritt allein reicht nicht aus. Solange die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für Antibiotikaentwicklung unattraktiv bleiben, die Schnelldiagnostik im klinischen Alltag fehlt und innovative Therapien wie Phagen an regulatorischen Hürden scheitern, wird die Lücke zwischen medizinischem Bedarf und verfügbaren Therapieoptionen weiterwachsen. Was jetzt gebraucht wird, ist eine koordinierte Antwort – auf nationaler und internationaler Ebene.
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