Hohe Fehlzeiten: Nicht die telefonische Krankschreibung ist schuld
Kontrovers wird derzeit der mögliche Missbrauch von Krankschreibungen diskutiert. Vor allem der Zusammenhang mit der telefonischen oder telemedizinischen Krankmeldung wird schnell als Argument genannt. Auch aktuelle Reformvorschläge aus dem Bundesgesundheitsministerium setzen hier an. Die Ergebnisse einer neuen Studie des Zentrums für Präventivmedizin und Digitale Gesundheit (CPD) der Medizinischen Fakultät Mannheim der Universität Heidelberg legen allerdings nahe, dass die aktuellen politischen Reformvorschläge die zentralen Ursachen von Krankschreibungen nur begrenzt adressieren. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass mehr Menschen krank zur Arbeit gehen, als dass sie sich zu Unrecht krankmelden. Der Zugang zu telefonischen Krankschreibungen spielte bei falschen Krankmeldungen keine entscheidende Rolle. Wichtiger waren demnach vielmehr Arbeitsstress, Rollenkonflikte und geringes Arbeitsengagement.
„Menschen gehen krank zur Arbeit“
Für die Studie nutzten die Forschenden eine spezielle indirekte Befragungsmethode, mit der sensible Verhaltensweisen realistischer und ohne Verzerrungen durch sogenannte „sozial erwünschte Antworten“ erfasst werden können. Dabei berichtete rund ein Drittel der Befragten (34,6 Prozent – versus 18,6 Prozent bei einer direkten Befragung), sich mindestens einmal im vergangenen Jahr trotz Arbeitsfähigkeit krankgemeldet zu haben. Gleichzeitig gaben 67,2 Prozent an, trotz Krankheit gearbeitet zu haben. „Unsere Ergebnisse legen nahe, dass der Fokus auf falsche Krankmeldungen zu kurz greift“, sagt das Forschungsteam um Professor Dr. Falko Sniehotta, Leiter der Abteilung für Public Health, Sozial- und Präventivmedizin innerhalb des CPD. „Viel häufiger ist das Gegenteil der Fall: Menschen gehen krank zur Arbeit.“
Arbeitsbedingungen entscheidend
Die Studie zeigt außerdem, dass Krankmeldungen trotz Arbeitsfähigkeit vor allem mit belastenden Arbeitsbedingungen zusammenhängen – durch Stress, Rollenkonflikte, die „innere Kündigung“ oder Druck durch soziale Normen im Arbeitsumfeld. „Eine Fehleinschätzung der Ursachen für falsche Krankmeldungen kann dazu führen, dass politische Maßnahmen an den eigentlichen Problemen vorbeigehen“, warnen die Hauptautorinnen der Studie Stephanie Zintel und Raenhha Dhami. Während strukturelle Faktoren wie Arbeitsbelastung oder Personalmangel weniger Beachtung fänden, drohten Maßnahmen mit begrenzter Wirkung in den Vordergrund zu rücken. Die Autorinnen und Autoren gehen allerdings auch auf den deutlichen Anstieg von Atemwegserkrankungen nach der heißen Phase der Pandemie ein. Zudem erwähnen sie auch die anhaltenden Langzeitfolgen von COVID-19 (Long COVID) und eine erhebliche Verschlechterung der psychischen Gesundheit der Bevölkerung. Sie betonen, dass diese Entwicklungen auf signifikante gesundheitliche Verschlechterungen in den letzten Jahren hindeuten, die wahrscheinlich zu den insgesamt erhöhten Fehlzeiten beigetragen haben.
Reduktion von Stress, Burnout und Rollenkonflikten
Abgeleitet aus den Ergebnissen ihrer Studie empfiehlt das Forschungsteam daher, den Blick auf die Arbeitsbedingungen zu richten, um Fehlzeiten von Beschäftigten wirksam zu reduzieren. Priorität sollten dabei Maßnahmen zur Reduktion von Stress, Burnout und Rollenkonflikten haben. Die Analyse basiert auf einer großen, repräsentativen Befragung von 1.964 Beschäftigten in Deutschland. Durch eine indirekte Fragetechnik seien verzerrte Antworten reduziert und sensiblere Verhaltensweisen besser erfasst worden.
Quelle: idw/Universitätsmedizin Mannheim
Artikel teilen




