Ein interdisziplinäres Verbundprojekt erforscht unter der Leitung des Instituts für Geschichte und Ethik der Medizin der Universität zu Köln, welche Folgen der Einsatz von Technologien für Medizin, Gesellschaft und den Umgang mit menschlichen Gefühlen hat. „ShiftAffect – Shifted Boundaries“ ist 2026 gestartet und wird vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt bis Februar 2029 mit einer Gesamtsumme von 1.017.132 Euro gefördert. Davon verbleiben 344.161,13 Euro an der Universität zu Köln, die restlichen Mittel gehen an weitere Projektpartner.
Traurigkeit, Angst und Schmerz gehören zu den Erfahrungen, die den Menschen am unmittelbarsten betreffen. Zunehmend kommen Technologien zum Einsatz, die solche affektiven Zustände erfassen, deuten und beeinflussen sollen – etwa Anwendungen des Affective Computing, die aus Sprache, Mimik oder Körpersignalen auf Gefühlslagen schließen, Verfahren der Virtual Reality und der Neuromodulation oder smartphonebasierte Anwendungen, die Stimmungen im Alltag protokollieren.
Wenn sich die Grenze zwischen normal und behandlungsbedürftig verschiebt
ShiftAffect geht von der Beobachtung aus, dass solche Technologien nicht nur dabei helfen können, Angst, Schmerz oder Traurigkeit zu lindern. Sie verändern zugleich, was wir unter diesen Zuständen verstehen und wo die Grenze zwischen einer normalen Erfahrung und einem behandlungsbedürftigen Zustand verläuft. Wenn eine Anwendung Traurigkeit als messbares Muster darstellt oder ein System Angst ab einem bestimmten Schwellenwert als auffällig markiert, verschiebt sich nicht nur die Behandlung, sondern die Kategorie selbst. Diese Verschiebungen, auf die der Projektuntertitel „Shifted Boundaries“ verweist, stehen im Zentrum des Vorhabens.
Die Leiterin des Forschungsverbunds, Prof. Dr. Dr. Orsolya Friedrich vom Institut für Geschichte und Ethik der Medizin, sagt: „Unser Ziel ist es, am Ende ethisch fundierte Empfehlungen für eine verantwortungsvolle Entwicklung, klinische Anwendung und Regulierung von Technologien, die menschliche Gefühle erfassen, analysieren sowie modulieren, bereitzustellen.“ Dafür hat das Team schon Schritte unternommen: Die Forschenden arbeiten den aktuellen Forschungsstand systematisch auf und haben Interviewleitfäden erstellt, mit denen sie die Perspektiven Betroffener, Klinikerinnen und Kliniker sowie Entwicklerinnen und Entwickler einbeziehen wollen.
Parallel dazu planen sie eine Online-Vortragsreihe sowie einen Expertenworkshop für den März 2027 in Köln zum Thema „Emotionen und Technik“, in denen sie mit führenden Stimmen aus Philosophie, Technik und Medizin, aber auch mit interessierten Bürgerinnen und Bürgern ins Gespräch kommen wollen.
Interdisziplinäre Forschung mit Praxisbezug
Das Forschungsteam besteht aus Prof. Dr. Dr. Orsolya Friedrich und Dr. Sebastian Schleidgen (Köln), Prof. Dr. Claudia Bozzaro (Münster), Dipl.-Ing. Nora Weinberger (KIT-ITAS), Prof. Dr. Andreas Fallgatter (Uniklinik Tübingen) und Prof. Dr. Kerstin Ritter (Hertie Institute for AI in Brain Health). Gemeinsam untersuchen die Projektleitungen an diesen Standorten mit ihren Teams, welche Folgen die untersuchten Verschiebungen für die klinische Praxis, für das Verhältnis zwischen Behandelnden und Betroffenen und für gesellschaftliche Vorstellungen von Normalität, Gesundheit und Krankheit haben.
Dazu verbindet ShiftAffect philosophisch-ethische und begriffliche Analysen mit empirischer Forschung sowie mit partizipativen Verfahren, in denen Entwickelnde, klinisch Tätige, Betroffene und weitere Beteiligte gemeinsam mögliche Entwicklungen durchdenken. Am Ende des Projekts stehen neben wissenschaftlichen Veröffentlichungen ethisch fundierte Empfehlungen für Politik, Medizin, Technologieentwicklung und Gesellschaft. Erste Ergebnisse werden für Ende 2027 erwartet. Die Projektwebsite befindet sich im Aufbau.
Quelle: idw
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