Projekt AF-B-STEP: Vorhofflimmern besser quantifizieren

Grundlegende Verbesserung der Diagnostik und Versorgung
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Ein Arzt hält ein Schild mit dem Aufdruck Vorhofflimmern.
© Coloures-Pic/stock.adobe.com
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Das Forschungsprojekt AF-B-STEP soll einheitliche Standards entwickeln, wie medizinische Geräte und Technologien von implantierbaren Herzgeräten bis Smartwatches Vorhofflimmern und die Vorhofflimmerlast quantifizieren.

Laut IGES Institut sind in Deutschland hochgerechnet fast vier Millionen Menschen von Vorhofflimmern betroffen. Die Krankheitshäufigkeit (Prävalenz) steigt demnach seit Jahren: zwischen 2014 und 2018 bei Frauen um 24 Prozent und bei Männern um 23 Prozent. Als Gründe werden der demografische Wandel sowie das inzwischen gewachsene Bewusstsein für die Herzkrankheit genannt. Aktuell wird jedoch die Diagnose Vorhofflimmern nicht quantitativ gestellt. Das internationale Forschungsprojekt AF-B-STEP mit 18 Partnern aus Europa und Kanada will dies ändern: Erstmals soll systematisch erfasst werden, wie lange das Vorhofflimmern bei Menschen individuell andauert und in welchem Ausmaß diese Vorhofflimmerlast das Risiko für Schlaganfälle oder Herzinsuffizienz beeinflusst oder sich auf andere Lebensaspekte der Patientinnen und Patienten auswirkt.

Einheitliche Standards für die Quantifizierung

Zudem soll das Projekt einheitliche Standards für die Quantifizierung von Vorhofflimmern und der Vorhofflimmerlast durch medizinische Geräte (etwa implantierbare Herzgeräte oder einsetzbare Ereignisrekorder) oder Wearable-Elektronik (z.B. Smartwatches) entwickeln. Ziel ist die grundlegende Verbesserung der Diagnostik und Versorgung von Menschen mit Vorhofflimmern. Koordiniert wird das Projekt von der Klinik für Kardiologie des Universitären Herz- und Gefäßzentrums des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE) sowie vom Medtronic Bakken Research Center in Maastricht (Niederlande) als Projektleiter aus der Industrie. Über die kommenden vier Jahre wird das Vorhaben mit insgesamt rund 18 Millionen Euro von der Innovative Health Initiative (IHI) gefördert, wobei sowohl die Europäische Union als auch die Industrie Beiträge leisten. 

Reduktion von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz

„Die Ergebnisse sollen Mediziner/-innen dabei unterstützen, anhand der Vorhofflimmerlast präziser zu entscheiden, wer welche Behandlung benötigt. Ziel von AF-B-STEP ist es, langfristig zu einer messbaren Reduktion von Schlaganfällen und Herzinsuffizienz beizutragen und zugleich unnötige Behandlungen bei Menschen mit niedriger Vorhofflimmerlast zu vermeiden“, sagt Prof. Dr. Paulus Kirchhof, Direktor der Klinik für Kardiologie des UKE, Vorstandsvorsitzender des Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET) und Koordinator des Projektes AF-B-STEP (Quantifying Atrial Fibrillation Burden for Better Screening, Treatment, and HEalth Policy). Denn Vorhofflimmern erhöht das Risiko für Schlaganfall und Herzinsuffizienz und ist weltweit die häufigste anhaltende Herzrhythmusstörung. Es betrifft etwa ein Drittel der über 55-Jährigen und macht zwei bis drei Prozent der Gesundheitskosten in Europa und Nordamerika aus. 

Bisher nur binäre Einstufung

Derzeit wird Vorhofflimmern gewöhnlich einfach mit „Ja“ oder „Nein“ diagnostiziert, auch therapeutische Entscheidungen basieren überwiegend auf dieser einfachen Klassifizierung. Doch die Projektverantwortlichen geben zu bedenken, dass Vorhofflimmern in unterschiedlichen Ausprägungen und Intensitäten auftritt, von seltenen, kurzen Episoden über häufige Anfälle bis hin zu dauerhaftem Vorhofflimmern. Die Dauer des Vorhofflimmerns, die sogenannte Vorhofflimmerlast (atrial fibrillation burden), kann wesentlich Symptomatik, Prognose und therapeutische Entscheidungen beeinflussen. Mit größerer Vorhofflimmerlast steigt das Risiko für Schlaganfälle, Herzinsuffizienz, Krankenhauseinweisungen und andere nachteilige Auswirkungen. Herzschrittmacher und andere elektronische Implantate sowie zunehmend auch Smartwatches, Fitnesstracker und andere Wearable-Technologien ermöglichen heute die Erkennung selbst kurzer und seltener Episoden von Vorhofflimmern. Bislang fehle jedoch eine standardisierte Methode zur zuverlässigen Quantifizierung der Vorhofflimmerlast und die präzise Beurteilung der daraus folgenden gesundheitlichen Risiken. Zudem wird eine einheitliche Berichterstattung der von implantierten und tragbaren Geräten erfassten Daten angemahnt. Aktuell erschwere dies Vergleiche zwischen unterschiedlichen Systemen.

Datensätze von mehr als 100.000 Patientinnen und Patienten

Für das Projekt AF-B-STEP stellen die Projektpartner aus Wissenschaft und Industrie anonymisierte Datensätze von mehr als 100.000 Patientinnen und Patienten zur Verfügung. Durch die Verknüpfung von Vorhofflimmerlast und klinischen Ergebnissen soll präzise berechenbar werden, wie hoch der Beitrag von Vorhofflimmern zum Risiko für Schlaganfall, Herzinsuffizienz sowie kardiovaskulären Tod ist und wie die Lebensqualität sowie die Herz- und Gehirnfunktion durch Vorhofflimmern beeinflusst werden. Gemeinsam mit Herstellern von implantierbaren Herzgeräten und Wearable-Technologien will das Konsortium auch standardisierte Methoden zur Erfassung und Anzeige der Vorhofflimmerlast an die Betroffenen entwickeln. Die Hoffnung der Projektverantwortlichen: Im Idealfall sollen sich drei Kategorien herausbilden:

  1. niedrige Vorhofflimmerlast (keine weiteren Untersuchungen oder Therapien erforderlich),
  2. moderate Vorhofflimmerlast (weitere Diagnostik zur Therapieentscheidung notwendig) und
  3. hohe Vorhofflimmerlast (direkter Beginn einer Antikoagulation und einer Rhythmuskontrolltherapie).

Eine verbesserte Patientenstratifizierung sowie mechanistische Erkenntnisse könnten damit künftig in Behandlungsleitlinien einfließen und die Rolle der Vorhofflimmerlast stärker bei Therapieentscheidungen berücksichtigt werden. 

Die Partner sind:
• Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf
• Medtronic Bakken Research Center B.V.
• Acesion Pharma ApS
• BIOTRONIK SE & Co. KG
• Boston Scientific International SA
• concentris research management GmbH
• IDM gGmbH
• Imperial College of Science Technology and Medicine
• Kompetenznetz Vorhofflimmern e.V. (AFNET)
• McMaster University
• Medicalgorithmics SA
• Novartis Pharma AG
• Preventicus GmbH
• Societé Europénne de la Cardiologie
• Techniker Krankenkasse
• Thryv Therapeutics Inc.
• Universiteit Maastricht
• Withings France SAS

Weitere Informationen zum Projekt AF-B-Step gibt es hier.

Quelle: idw/AFNET

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