Teilzeit als Chance, nicht als Problem

Stellungnahme des Arbeits- und Organisationspsychologen Prof. Dr. Christoph Desjardins
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Das Bild zeigt eine Person, die ein Schild mit der Aufschrift „Teilzeit!" hält.
© contrastwerkstatt/stock.adobe.com
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Die in der aktuellen Debatte um das Thema Teilzeit implizierte Behauptung, dass Teilzeittätige durch ihre „Verweigerung“ von Vollzeitarbeit ihren Unternehmen schaden, lässt sich nach Auffassung des Arbeits- und Organisationspsychologen Prof. Dr. Christoph Desjardins nicht belegen.

Im Gegenteil: Unternehmen und die Gesellschaft könnten sogar von Teilzeitarbeit profitieren, sagt der Experte für Human Resource Management und Leadership der Frankfurt University of Applied Sciences (Frankfurt UAS). Die von der Politik – nicht von der Wirtschaft – angestoßene Diskussion um Teilzeitarbeit als Lifestyle-Element stelle diese Form der Arbeitstätigkeit als bloße Willensentscheidung hin, die je nach Ausmaß der gewünschten Work-Life-Balance getroffen werden könne. „Dies bezieht sich auf einen fortschreitenden Wertewandel, der Aktivitäten und soziale Beziehungen im Nichtarbeitsbereich priorisiert und dazu führt, dass sich die Bindung der Mitarbeitenden zu ihren Unternehmen verringert.

Dass Deutschland ein ,kollektiver Freizeitpark‘ ist, hat aber schon der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in seiner Regierungserklärung von 1993 beklagt, ohne dass sich die wirtschaftliche Entwicklung der Bundesrepublik in den Jahrzehnten danach entsprechend kontinuierlich negativ entwickelt hat“, so Desjardins.

Dazu kommen seiner Ansicht nach die realen Lebensumstände wie Kinderbetreuung und Pflege, die es vielen Menschen nicht möglich machen, einer Vollzeittätigkeit nachzugehen, auch weil der Staat nicht die entsprechende soziale Infrastruktur zur Verfügung stellt.

Klassisches Arbeitszeitmodell garantiert nicht mehr Produktivität

Desjardins weiter: „Bevor man sich die Vor- und Nachteile von Teilzeitarbeit anschaut, stellt sich die Frage, ob denn eine Vollzeittätigkeit dazu führt, dass Menschen sich optimal produktiv in Unternehmen einbringen können. Studien zeigen, dass die Produktivität mit steigender Stundenzahl abnimmt. Neue Arbeitszeitmodelle wie der Sechs-Stunden-Tag oder auch die Vier-Tage-Woche belegen, dass das klassische Arbeitszeitmodell nicht garantiert, dass die vorhandene Arbeitszeit auch wirklich produktiv genutzt wird, beziehungsweise dass Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer aufgrund der zur Verfügung stehenden Arbeitsenergie überhaupt durchgehend produktiv sein können.“ Bei entsprechender Umsetzung scheine es möglich zu sein, mit weniger Zeit die gleichen Arbeitsergebnisse zu erzielen und gleichzeitig positive Effekte für die Mitarbeitendenbindung und den Erhalt der psychischen und physischen Arbeitskraft zu erzielen.

Auch die pauschale Beurteilung von Teilzeittätigkeiten ist Desjardins zufolge inhaltlich wenig sinnvoll, da es verschiedene Typen gibt: Tätigkeiten, die aufgrund des flexiblen Bedarfs nur in Teilzeit angeboten werden, zum Beispiel im Servicebereich, und Tätigkeiten, die aufgrund des Wunsches der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer entsprechend gestaltet werden. Gerade der erste Typ sei für den wirtschaftlichen Erfolg der entsprechenden Unternehmen unabdingbar.

Optimales Teilzeitfenster: 25 bis 30 Stunden

„Aber auch, wenn wir ausschließlich die Wunschteilzeit betrachten, ergibt sich ein differenziertes Bild. Wenn bei gleichbleibendem Arbeitsbedarf eine Verteilung von Vollzeit zu Teilzeit stattfindet, kann sich die Produktivität vor allen Dingen durch den erhöhten Koordinationsbedarf und die höheren Strukturkosten für die Mitarbeitenden, wie zum Beispiel Hardware, verringern. Das gilt insbesondere für komplexere Tätigkeiten, die auch mit höherer Abstimmung und einer zu Arbeitsbeginn notwendigen mentalen Anstrengung einhergehen“, betont der Arbeits- und Organisationspsychologe.

Diesem erhöhten Aufwand stünden aber auf der anderen Seite Produktivitätsgewinne gegenüber, die von dem jeweiligen Teilzeitmodell und dessen Ausgestaltung abhängen. „So scheint es ein für die Produktivität optimales Teilzeitfenster zu geben, das bei 25 bis 30 Wochenarbeitsstunden liegt und in dem die produktiven Vorteile der Teilzeitarbeit die Nachteile übertreffen.“ Produktivitätsgewinne bei Teilzeittätigkeiten lassen sich, so Desjardins, durch eine Leistungsverdichtung erklären, die auch durch eine geringere Häufigkeit von Pausen sowie die größere Fokussierung auf die Arbeitstätigkeit entsteht.

Push für Innovationskraft

Eine der wichtigsten Ursachen sei aber die erhöhte Motivation der Mitarbeitenden: „Diese entsteht insbesondere durch die gewonnene Zeitautonomie, also die Möglichkeit, über die zeitliche Gestaltung des eigenen Lebens selbst bestimmen zu können. Durch die Option, in der frei verfügbaren Zeit andere Tätigkeiten wie Betreuung und Pflege auszuüben, entsteht zudem eine zusätzliche Sinnstiftung, die sich auch wieder positiv auf die Arbeitstätigkeit auswirken kann.“

Der Trend zu mehr Teilzeit könne Unternehmen und damit der gesamten deutschen Wirtschaft zudem grundsätzlich dabei helfen, erfolgreicher zu sein. Er zwingt nämlich Desjardins zufolge dazu, die Produktivität, das heißt, den Output pro eingesetzter Arbeitskraft zu erhöhen und damit sowohl die Profitabilität eines einzelnen Unternehmens als auch den Wohlstand des gesamten Landes zu erhöhen. Sie fördere damit den Einsatz von Produktivitätstechniken wie Künstlicher Intelligenz und trage so zur Wettbewerbsfähigkeit und Erhöhung der Innovationskraft bei.

Positive Gesundheitseffekte dank geringerer Arbeitsbelastung

Dazu kämen vielfältige Nebeneffekte, die sich unmittelbar positiv auf die Mitarbeitenden auswirken, mittelbar aber auch dem Unternehmen und der Gesellschaft zugutekommen. Der Psychologe führt die direkten und indirekten Auswirkungen auf die physische und psychische Gesundheit von arbeitenden Menschen aus: „Eine geringere Arbeitsbelastung geht in der Regel mit positiven kurz- und langfristigen Gesundheitseffekten einher – ein Effekt, der angesichts steigender Krankenstände berücksichtigt werden sollte. Wer die eigene Arbeitstätigkeit zeitlich gemäß den eigenen Erwartungen gestalten kann, gewinnt Arbeitszufriedenheit. Auch diese ist mit einem geringeren Krankenstand verbunden. Hinzu kommt eine geringere Fluktuation, was die Auswirkungen des Fachkräftemangels zumindest reduzieren kann.“

Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssten sich daher überlegen, ob sie als Ziel eine nur in Einzelfällen realisierbare, kurzfristige Produktivitätsmaximierung oder lieber den langfristigen Erhalt der Leistungsfähigkeit der arbeitenden Bevölkerung verfolgen wollen.

„Aufgrund des demografischen Wandels und der sich daraus steigenden Bedeutung jeder einzelnen Arbeitskraft sollte uns wohl eher der langfristige Erhalt der Arbeitsfähigkeit am Herzen liegen – insbesondere, wenn wir längere Lebensarbeitszeiten anstreben, um unser Rentensystem zu sichern“, so Desjardins. „Teilzeit sollte daher nicht als Bedrohung, sondern als Chance zur Gestaltung einer alternden Gesellschaft begriffen werden.“


Quelle: idw
 

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