Weltschlaganfalltag: Jede Minute zählt
Dank moderner Therapieverfahren können heute viele Menschen erfolgreich behandelt werden. Doch was geschieht, wenn sich ein verschlossenes Hirngefäß auch mittels Thrombektomie nicht ausreichend öffnen lässt? Eine aktuelle Studie [1] zeigt, dass es auch in solchen Situationen eine weitere Behandlungsmöglichkeit geben kann.
„In der Schlaganfallmedizin haben wir in den vergangenen Jahren große Fortschritte erzielt. Trotzdem gibt es immer wieder Patientinnen und Patienten, bei denen wir mit den etablierten Verfahren an Grenzen stoßen“, erklärt Prof. Dr. Götz Thomalla vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE), Mitautor der Studie und Präsident des Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Neurologie, der vom 4. bis 7. November in Berlin stattfinden wird. „Die neuen Ergebnisse machen Hoffnung, dass wir auch in dieser schwierigen Situation eine zusätzliche Behandlung anbieten können.“
Bei einem kleinen Teil der Betroffenen gelingt die Entfernung des Blutgerinnsels nicht
Ein ischämischer Schlaganfall entsteht, wenn ein Blutgerinnsel ein Hirngefäß verschließt und dadurch Teile des Gehirns nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt werden. Eine wichtige Standardtherapie ist die intravenöse Thrombolyse, bei der das Blutgerinnsel mithilfe eines Medikaments aufgelöst werden soll. Bei einem Teil der Betroffenen, bei etwa 9 % [2], insbesondere bei Verschlüssen großer Hirnarterien, ist zusätzlich oder alternativ eine mechanische Thrombektomie notwendig.
Dabei wird das Blutgerinnsel mithilfe eines Katheters aus dem Gefäß entfernt, um die Durchblutung wiederherzustellen. Allerdings gelingt dies nicht in jedem Fall. Bei bis zu 20 % der thrombektomierten Patientinnen und Patienten wird keine ausreichende Wiedereröffnung des Gefäßes erreicht. Die behandelnden Ärztinnen und Ärzte müssen dann entscheiden, ob ein weiterer Eingriff sinnvoll ist.
Deutlich bessere Behandlungsergebnisse nach intrakraniellem Rescue-Stenting
Eine mögliche Option ist das sogenannte intrakranielle Rescue-Stenting. Dabei wird ein kleines Gefäßstützgerüst, ein Stent, in die betroffene Hirnarterie eingesetzt. Es soll das Gefäß offenhalten und so die Blutversorgung des Gehirns verbessern. Ob dieses Verfahren nach einer erfolglosen Thrombektomie tatsächlich Vorteile bietet und wie sicher es ist, ist bislang nicht ausreichend geklärt. Eine vom UKE initiierte, aktuelle Analyse [1] wertete deshalb Daten aus den Jahren 2015 bis 2023 vom Deutschen Schlaganfallregister aus, an dem 25 deutsche Schlaganfallzentren beteiligt sind.
Von 14.714 geeigneten Patientinnen und Patienten erhielten 352 ein intrakranielles Stenting. Für den Vergleich bildeten die Forschenden mithilfe eines statistischen Verfahrens zwei möglichst ähnliche Patientengruppen mit jeweils 218 Personen. In der einen Gruppe war ein Rescue-Stenting durchgeführt worden, in der anderen war nach einer nicht ausreichend erfolgreichen Thrombektomie keine weitere endovaskuläre Behandlung erfolgt.
Die Ergebnisse zeigen deutliche Unterschiede
39 % der Patientinnen und Patienten mit Rescue-Stenting waren nach 90 Tagen funktionell unabhängig, konnten also ihren Alltag ohne wesentliche fremde Hilfe bewältigen. In der Vergleichsgruppe waren es 22 %. Auch die Sterblichkeit innerhalb von 90 Tagen war in der Stent-Gruppe niedriger: Sie betrug 26 % gegenüber 37 %. Das Risiko symptomatischer Hirnblutungen unterschied sich dagegen nicht signifikant zwischen den Gruppen (4 gegenüber 5 %). Bei 87 % der mit einem Stent behandelten Personen konnte eine ausreichende Durchblutung wiederhergestellt werden.
Allerdings handelt es sich bei der Untersuchung um eine Beobachtungsstudie. Deshalb lässt sich daraus noch nicht zweifelsfrei ableiten, dass die besseren Behandlungsergebnisse ausschließlich auf das Rescue-Stenting zurückzuführen sind oder womöglich andere Faktoren eine Rolle gespielt haben. Die Forschenden betonen, dass weitere randomisierte Studien notwendig seien, um diese Frage zu klären.
Fortschritt durch erweiterte Therapieoptionen
„Das Entscheidende ist, dass wir uns wissenschaftlich mit den Situationen beschäftigen, in denen unsere bisherigen Behandlungsmöglichkeiten nicht ausreichen“, sagt Thomalla. „Wenn wir durch zusätzliche Verfahren die Durchblutung wiederherstellen können, besteht die Chance, Hirngewebe zu retten und schwere Behinderungen zu verhindern. Genau deshalb ist es wichtig, bestehende Therapiekonzepte kontinuierlich weiterzuentwickeln.“
Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Schlaganfallbehandlung bleibe jedoch, dass die Betroffenen so schnell wie möglich medizinisch versorgt werden, betont Thomalla. Das Motto des diesjährigen Weltschlaganfalltag am 29. Oktober „EVERY M1NUTE COUNTS“ bringt diese Botschaft auf den Punkt. „Je früher wir behandeln können, desto mehr Möglichkeiten haben wir, das Gehirn vor dauerhaften Schäden zu schützen.
Quelle: idw
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