Die bisher vorliegenden Zahlen verdeutlichen, dass 2025 die Zahl der FSME-Erkrankungen einen neuen Rekordwert erreicht haben könnte. Virologe Prof. Dr. Gerhard Dobler vom Nationalen Konsiliarlabor FSME am Institut für Mikrobiologie der Bundeswehr in München geht davon aus, dass es am Ende 695 bis 700 gemeldete und bestätigte FSME-Fälle sein werden. Es seien in den vergangenen Jahren immer mehr Fälle gemeldet worden als bestätigt wurden. Oft fehle für die Bestätigung die entsprechende Blutprobe der Patientinnen und Patienten, so Dobler. Aktuell seien es mehr als 100 offene Fälle. Seiner Einschätzung nach würden sich ca. ein Drittel dieser Fälle noch bestätigen lassen. Etwa 85 Prozent der gesamten FSME-Fälle stammten aus Bayern und Baden-Württemberg. In Bayern gebe es die die vier Hotspots Allgäu, Mittelfranken, Bayerischer Wald und Südostbayern um Traunstein. Doch auch andere Bundesländer verzeichneten einen deutlichen Anstieg von einem allerdings niedrigen Niveau. Man müsse davon ausgehen, dass ganz Deutschland ein Risikogebiet sei, mit deutlichen geografischen Unterschieden, betonte Parasitologin Prof. Dr. Ute Mackenstedt von der Uni Hohenheim.
Infektionsrisiko steigt
Einen direkten Effekt des kalten Winters auf die Zeckenpopulation erwartet Parasitologin Mackenstedt nicht. Der Lebenszyklus dauere mehrere Jahre. Sie rechne deshalb mit einem ähnlichen Niveau auch im laufenden Jahr. Dobler erläuterte bei der Pressekonferenz im Vorfeld des 8. Süddeutschen Zeckenkongresses (23.2. bis 25.2.2026), dass es nur eine vage Korrelation zwischen der Zahl der Zecken und den FSME-Fällen gebe. Hauptakteure seien in diesem Zusammenhang die Nagetiere. Dies habe größeren Einfluss auf die FSME als vermutet. Dass das Risiko steige, sich zu infizieren, zeigten Untersuchungen von Blutspendern in Passau. Dort gebe es eine hohe Durchimpfungsrate von etwa 80 Prozent. Es habe sich gezeigt, dass von den Untersuchten jeder sechste, der nicht geimpft gewesen sei, infiziert war. Vor Einführung der Impfung habe die Zahl bei 3 Prozent gelegen, so Dobler. Entsprechend sei das Risiko inzwischen fünf- bis zehnmal höher als noch vor 40 Jahren. Er gehe davon aus, dass die Fallzahlen fünfmal höher seien, wenn es nicht die hohe Impfrate gebe. Und auch in Zukunft ist mit immer weiter steigenden Erkrankungszahlen zu rechnen, so die Prognose von Mackenstedt und Dobler.
RKI-Inzidenzkarte ist trügerisch
Inzwischen wandern neue FSME-Virusstämme aus Nordeuropa ein. Die Hypothese sei, dass es durch den Klimawandel zu Änderungen der Vogel-Flugrouten komme. Es könne sein, dass damit neue ökologische Nischen besetzt werden. Dies werde in einem Forschungsprojekt in den nächsten drei Jahren erforscht. Zecken sind inzwischen ganzjährig aktiv, erobern selbst kühle Berglagen und verbreiten das FSME-Virus in ganz Deutschland. „Vor FSME geschützt sind nur Personen mit Antikörpern im Blut – also diejenigen, die sich impfen ließen oder schon mal eine FSME-Infektion durchgemacht haben, die gegebenenfalls auch nicht zum Ausbruch der Krankheit geführt haben muss“, erklärte Dobler. Sowohl Mackenstedt als auch Dobler raten deshalb dazu, sich nach individueller Risikoabwägung gegen FSME impfen zu lassen und die Impfung regelmäßig aufzufrischen. Bei der Abwägung sollte auch der Aufenthalt im Garten nicht vergessen werden. Die neuen Virusstämme würden ebenfalls von den Impfantikörpern erfasst, betonte Dobler. Um die Impfquoten voranzubringen, sei ein besseres Risikoinformationsmanagement nötig, kritisierte Dobler. Das Risiko habe sich dramatisch erhöht und dies sei in der Ärzteschaft oft noch nicht bekannt. Auch Ärzte aus Norddeutschland sollten FSME auf dem Schirm haben, mahnte Mackenstedt. Man müsse die „Awareness“ erhöhen. Ein Problem sei die RKI-Karte zu den FSME-Inzidenzen. Die weißen Flecken auf der Karte verleiteten dazu, diese Gebiete als FSME-frei zu betrachten, was sie nicht seien. Nur die Inzidenz sei dort niedriger. Es könne aber überall in Deutschland zu FSME-Erkrankungen kommen. Auch in den Niederlanden, Frankreich und UK sei FSME angekommen.
FSME-Infektion kann auch tödlich enden
Mit einer FSME-Infektion sei nicht zu spaßen. In den Risikogebieten liegt die Wahrscheinlichkeit für eine FSME-Infektion nach einem Zeckenstich bei 1:50 bis 1:100. Nach circa 3-8 Tagen treten grippeähnliche Symptome auf. Bei rund einem Drittel der Patienten kommt es nach einer vorübergehenden Besserung zu einem erneuten Fieberanstieg und einer zweiten Krankheitsphase mit Symptomen des Gehirns. Bei schwereren Verläufen sind auch Gehirn und Rückenmark beteiligt. Zu den Symptomen gehören Koordinationsstörungen, Lähmungen, Sprach- und Sprechstörungen sowie Bewusstseinsstörungen und epileptische Anfälle. Für rund ein Prozent der Patienten endet die Krankheit tödlich. Ist die Krankheit erst einmal ausgebrochen, können nur die Symptome therapiert werden. Schützen kann die Impfung. Immerhin 50 Prozent der FSME-Erkrankten könnten sich nicht an einen Stich erinnern, sagte Dobler.
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