Zwei Drittel der jungen Menschen erfahren sexualisierte Gewalt

Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit (BIÖG)
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Dieses Bild zeigt eine ausgestreckte Hand, die den Fokus des Betrachters einnimmt, während der Hintergrund unscharf ist.
© fizkes/stock.adobe.com
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Rund zwei Drittel (64 %) der 5.855 befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben mindestens eine Form sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt, knapp ein Drittel (29 %) berichtet zudem von mindestens einer Erfahrung mit sexualisierter Gewalt mit Körperkontakt.

Viele junge Menschen in Deutschland machen Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Das zeigt eine aktuelle Sonderauswertung der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit. Zu den Formen ohne Körperkontakt zählen zum Beispiel das gezielte Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen im Internet (Cybergrooming), sexualisierte Beleidigungen oder das Zusenden sexueller Bilder oder Filme. Zu den Formen mit Körperkontakt zählen ungewollte beziehungsweise erzwungene körperliche Berührungen oder sexuelle Handlungen. Junge Frauen sind davon doppelt so häufig betroffen wie junge Männer.

Die Daten zeigen außerdem, dass Jugendliche sexualisierte Gewalt häufig durch Gleichaltrige erfahren (sexualisierte Peer-Gewalt) − und dies nicht selten in Anwesenheit oder mit Kenntnis anderer Gleichaltriger. Die meisten Betroffenen vertrauen sich nach der ersten körperlichen Gewalterfahrung mindestens einer anderen Person an. Hier spielen vor allem Freundinnen und Freunde eine wichtige Rolle (51 %), doch auch die Eltern sind relevante Vertrauenspersonen (33 %).

Jugendliche sind in verschiedenster Form mit sexualisierter Gewalt konfrontiert

Insgesamt bestätigen die Ergebnisse der 10. Trendwelle der Jugendsexualitätsstudie in weiten Teilen nationale und internationale Untersuchungen. Demnach sind Jugendliche in verschiedenster Form mit sexualisierter Gewalt konfrontiert: Sie sind häufig betroffen, sie können aber auch selbst die übergriffige und gewaltausübende Person sein. Des Weiteren sind junge Menschen auch sogenannte Bystander, das heißt, sie sind in der Situation anwesend, mitwissend oder werden im Nachgang von anderen Gleichaltrigen ins Vertrauen gezogen.

Die Befunde belegen, dass das Jugendalter eine Phase erhöhten Risikos für sexualisierte Gewalt (unter Gleichaltrigen) ist und Beobachtende und Mitwissende sowohl vor und während als auch nach Situationen sexualisierter Gewalt eine wichtige Rolle spielen. Maßnahmen zur Prävention von sexualisierter Gewalt sollten daher sowohl die Perspektive der Betroffenen, der Bedrängenden als auch derjenigen Jugendlichen, die bei Übergriffen dabei sind oder davon erfahren, berücksichtigen.

Zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt

Mechthild Paul, Abteilungsleiterin Sexualaufklärung, Verhütung, Familienplanung und stellvertretende Leiterin des Bundesinstituts für Öffentliche Gesundheit: „Unsere Jugendsexualitätsstudie zeigt sehr klar: Viele junge Menschen erleben sexualisierte Gewalt unter Gleichaltrigen, online genauso wie offline. Deshalb ist es wichtig, dass sie lernen, Übergriffe zu erkennen und klar zu benennen. Gleichzeitig müssen wir sie darin bestärken, in riskanten Situationen sich und andere zu schützen sowie Betroffenen zur Seite zu stehen. Dafür brauchen junge Menschen sexuelle Bildung in Schule und Elternhaus sowie kompetente Ansprechpersonen in ihrem direkten Lebensumfeld.“

Mit dem Gesetz zur Stärkung der Strukturen gegen sexualisierte Gewalt an Kindern und Jugendlichen habe das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit seit Anfang 2026 den gesetzlichen Auftrag, Prävention und Schutz bundesweit auszubauen. „Daran arbeiten wir jetzt: Auf der Grundlage dieser Erkenntnisse werden wir zielgruppenspezifische Maßnahmen zur Prävention sexualisierter Gewalt entwickeln, die an den Lebensrealitäten der jungen Menschen ansetzen“, so Paul

Die Ergebnisse im Überblick

Sexualisierte Gewalt ohne Körperkontakt

  • Insgesamt berichten 64 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen, mindestens einmal eine Form sexualisierter Gewalt ohne Körperkontakt erlebt zu haben (68 % der jungen Erwachsenen gegenüber 54 % der Jugendlichen).

Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt

  • Sexualisierte Gewalt mit Körperkontakt hat knapp ein Drittel (29 %) der Befragten mindestens einmal im Leben erfahren (Jugendliche: 12 %, junge Erwachsene: 37 %).
  • Weibliche Personen sind doppelt so häufig betroffen wie männliche Personen (40 % gegenüber 18 %).
  • Bei den Gewalt ausübenden Personen handelt es sich häufiger um Jugendliche (45 %) als um Erwachsene (34 %).
  • 71 Prozent der Gewalt ausübenden Personen sind männlich.

Versenden und Erhalten von intimen Fotos oder Videos gegen den eigenen Willen

  • Fast jede vierte Person (24 %) hat sexualisierte Gewalt durch den Einsatz von intimem Bild- und Videomaterial (zum Beispiel Nacktaufnahmen/ pornografische Aufnahmen) erfahren, insbesondere dadurch, dass sie intime Fotos beziehungsweise Videos gegen ihren Willen erhalten haben oder das Zusenden von ihnen verlangt wurde.
  • Davon sind eher Mädchen und Frauen betroffen als Jungen und Männer.

Sexualisierte Gewalt im Beisein beziehungsweise mit Kenntnis von anderen Personen (Bystander)

  • 38 Prozent der befragten Jugendlichen und jungen Erwachsenen haben schon einmal mitbekommen, dass andere Personen zu sexuellen Handlungen gedrängt oder gezwungen wurden. Etwa ein Drittel (31 %) der ersten Gewalterfahrungen mit Körperkontakt geschah im Beisein beziehungsweise mit Kenntnis von Dritten.
  • 69 Prozent der Betroffenen vertrauen sich nach der ersten körperlichen Gewalterfahrung mindestens einer anderen Person an. Hier spielen vor allem Gleichaltrige eine große Rolle (51 %). Doch auch die Eltern sind wichtige Ansprechpersonen (33 %).

Weitere Informationen: 
Weitere Studienergebnisse und Informationen zur Studie finden:
Dinger, L., Schäfer-Pels, A., Scharmanski, S. Sexualisierte Gewalterfahrungen, Bystander¬-Perspektiven und Disclosure junger Menschen – Ergebnisse aus der 10. Welle der Jugendsexualitätsstudie. Bundesgesundheitsblatt (2026). https://doi.org/10.1007/s00103-026-04212-y
Hilfsangebot für betroffene Personen von sexualisierter Gewalt, Angehörige, Fachkräfte und alle Interessierten:
Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch: 0800 2255530
Datenbank für Fortbildungsangebote zu sexualisierter Gewalt in Kindheit und Jugend: https://www.fortbildungsnetz-sg.de

Quelle: idw

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