Der englische Arzt Thomas Sydenham (1624–1689)

Begründer der klinischen Empirie, „Englischer Hippokrates“,
 „Chorea minor Sydenham“
Christof Goddemeier
Porträt von Thomas Sydenham
Porträt von Thomas Sydenham © Abraham Blooteling, Public domain, via Wikimedia Commons
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Im 16. Jahrhundert gewannen in den Naturwissenschaften und damit auch in der Heilkunde zunehmend Mathematik, Physik und Chemie an Einfluss. Galileo Galilei hatte gefordert, „das Buch der Natur mit Hilfe der Mathematik zu lösen“. Seine Berechnungen zu den Gesetzen des freien Falls und der Erdbewegung eröffneten dem messenden Experiment den Weg in die Naturwissenschaften. Auch die Medizin begann zu rechnen, zu messen und zu experimentieren. Akademien und wissenschaftliche Zeitschriften wurden gegründet.

Das Experiment erweiterte die Anatomie um die Lehre von der Funk­tion: Im 17. Jahrhundert etablierte sich die moderne Physiologie. Die neuen Methoden förderten zahlreiche Entdeckungen zutage, etwa die Physiologie von Atmung und Verdauung; man beobachtete die zellulären Bestandteile des Blutes, beschrieb Lymphsystem und Drüsen und maß die Körpertempe­ratur mit dem Thermometer. Die neuen Erkenntnisse suchte man in ersten neuen Systemen zusammenzufassen: Die Iatrophysik entwickelte sich unter anderem auf dem Boden der physikalisch-mechanistischen Vorstellungen des Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes. Ihr zufolge waren die physiologischen Lebensvorgänge und deren pathologische Veränderungen rein physikalisch und mechanisch (als Iatromechanik) zu verstehen. Diese Sichtweise setzte den menschlichen Körper mit einer Maschine gleich. Demgegenüber verstand die Iatrochemie sämtliche Phänomene des Organismus auf chemischer Grundlage und unterschied etwa saure und alkalische Krankheiten.

Parallel entwickelte sich die europäische Philosophie in den ersten Jahrhunderten der Neuzeit auf drei Wegen: der französisch-niederländische führte von Descartes bis zu Baruch Spinoza, der deutsche bis zu Gottfried Leibniz. In England entwickelte sich auf dem Hintergrund des seit dem 16. Jahrhundert aufgekommenen Puritanismus das Ideal des „nüchternen und praktischen Tatsachenmenschen“ (Hans Joachim Störig). Dem entsprach in der Philosophie eine Haltung, die Spekula­tion ablehnte und auf der Erfahrung als Grundlage allen Wissens bestand: der Empirismus. Als Erster forderte dies Roger Bacon (um 1220–1292) und wandte sich damit gegen die mittelalterliche Scholastik, die der Erfahrung nur untergeordnete Bedeutung zugestand. William von Ockham (1287–1346) begründete den „Nominalismus“, der der Beobachtung von Einzeldingen den Vorrang vor den allgemeinen Begriffen einräumte („Universalia post res“ – die allgemeinen Begriffe nach den Einzel­dingen). Francis Bacon (1561–1626) fasste die Gedanken seines Namensvetters zu einem Programm zusammen – die Erneuerung des menschlichen Wissens auf der Grundlage von Experiment und Erfahrung. Auch der politische Denker Thomas Hobbes lehnte jede Spekulation ab und bewegte sich konsequent auf dem Boden physikalischen Denkens. Isaac Newton (1643–1727) entwickelte die Entdeckungen von Johannes Kepler, Nikolaus Kopernikus und Galilei weiter. ­Wissenschaftlich vereinigte er die induktiv-empirische und deduktiv-mathematische Richtung. Mit anderen bedeutenden Naturforschern, etwa Robert Boyle, dem Begründer der neuzeitlichen Chemie, war er in der Londoner Royal Society (1662 gegründet) verbunden. Ebenso wie die Académie française (1635 gegründet) war sie als Forum der Gelehrsamkeit vielfach wirksamer und bedeutender als die Universitäten, an denen man nach wie vor die antiken und arabischen Autoren lehrte.

Erkenntnis allein aufgrund Erfahrung

Den zahlreichen neuen Erkenntnissen stand die ärztliche Praxis mit ihren alltäglichen Problemen und Fragen am Krankenbett gegenüber. Thomas Sydenham gehörte zu den hervorragenden Ärzten des 17. Jahrhunderts. Alle Versuche, die Medizin in ein System zu zwingen, lehnte er ab. Mit Hippokrates als Vorbild betonte er, dass jede rein theoretische und spekulative Betrachtung für die Heilkunst schädlich sei. Der Arzt, so Sydenham, soll in erster Linie die Symptome und den Verlauf einer Krankheit beobachten und sich davor hüten, sie durch zu frühes Eingreifen zu stören und dadurch die Heilkraft der Natur zu beeinträchtigen. Hauptaufgabe der Heilkunst sei zudem, das hygienische Milieu des Patienten zu regulieren und im Übrigen eine rein empirische Therapie so schonend, einfach und milde wie möglich zu gestalten. Sydenham hinterfragte medizinische Theorien und Praktiken, notierte akribisch Symptome und beschrieb auf dieser Grundlage zahlreiche Krankheitsbilder, etwa Hysterie, Rheumatismus, Gicht, Rotlauf (Erysipel), Epilepsie, Krupp, Lungen- und Brustfellentzündung sowie mehrere epidemische Krankheiten. Mit seinem Freund John Locke, ebenfalls Arzt und mit Newton und David Hume Hauptvertreter des britischen Empirismus, teilte er die Auffassung, dass alle Erkenntnis allein auf Erfahrung begründet sei. Locke war der Ansicht, dass die Werke der Natur nur in ihren wahrnehmbaren Wirkungen erkannt werden können, aber keine Kenntnis darüber möglich sei, wie diese Wirkungen zustande kommen. Sydenham folgerte für die Medizin: „Da es eindeutig unmöglich ist, dass ein Arzt jene Ursachen der Krankheiten, die nicht durch die Sinne erkennbar sind, entdecken könnte, so ist es auch unnötig, dass er es versuchen sollte.“ („Opera Universa“) Deshalb seien alle Hypothesen, Forschung und Theorien „nichts anderes als (…) erdacht [] (…)“. Weiter heißt es: „Diese schönen Dinge werden aber mit der Zeit (…) wieder in die Vergessenheit kommen und vereitelt werden. Allein die Spuren der Natur, welche auf die Wahrheit der Dinge gegründet sind, werden nie (…) vergehen.“ („Medizinische Werke“) Die Spuren der Natur sind Symptome und Verlaufsformen der Krankheiten (Johanna Bleker). Zur Medizin kam Sydenham eher zufällig. Geboren wurde er 1624 als fünfter Sohn von William und Mary Sydenham; die beiden hatten sieben Söhne und drei Töchter. Zwei Söhne starben bereits als Kinder, auch die meisten anderen Geschwister starben früh, Thomas lebte am längsten.

Im Heer der Parlamentsanhänger

Als das Parlament die Machtbefugnisse des Königs zunehmend einschränken wollte, versuchte Karl I. im Januar 1642, einflussreiche Mitglieder des Unterhauses verhaften zu lassen. Der Versuch misslang, und zwischen den Anhängern von König und Parlament brach der Bürgerkrieg aus. Der 18-jährige Oxford-Student Sydenham kämpfte mit seinem Vater und einigen Brüdern vier Jahre im Heer der Parlamentsanhänger, das Oliver Cromwell anführte. 1649 wurde Karl I. hingerichtet, und die Monarchie in England wurde abgeschafft. Unter dem Titel „Lordprotektor“ etablierte Cromwell eine Militärdiktatur. Aus dem Gegner des königlichen Absolutismus wurde selbst ein absoluter Herrscher, der sich von Gott berufen wähnte. Als Sydenham nach Oxford zurückkehrte, hatte er keinen sicheren Plan für seine Zukunft. Auf den Rat des angesehenen Arztes Dr. Thomas Coxe wandte er sich der Medizin zu. 1663 vom Königlichen Kollegium der Londoner Ärzte approbiert, ließ Sydenham sich im Stadtteil Westminster nieder und praktizierte dort mit großem Erfolg. Promoviert wurde er erst 1676. Er heiratete Mary Gee, mit der er drei Kinder hatte.

Sydenham bestimmte den Begriff des „Krankheitsprozesses“ näher. Zudem nahm er den in der Hippokratischen Schriftensammlung vorhandenen Gedanken der „Katastaseologie“ auf. Demnach zeigen bestimmte Affektionen je nach dem Einfluss gewisser epidemisch auftretender Krankheiten sowie vorherrschender atmosphärischer oder meteorischer Verhältnisse einen wechselnden Charakter.

Sydenham erforschte Infektionskrankheiten, die damals durch die Sümpfe der Themse häufig vorkamen. Er unterschied Masern, Scharlach und Pocken, erkannte als Erster, dass Typhus durch Fliegen übertragen wird, und verbesserte die Chinin-Behandlung bei Malaria. 1665 und 1666 brach im Süden Englands eine Pestepidemie aus (Great Plague of London). Sie war eine der letzten in Europa und forderte etwa 100.000 Todesopfer, davon allein 70.000 in London, etwa ein Fünftel der Stadtbevölkerung. Sydenham brachte sich zunächst auf dem Land in Sicherheit und nutzte die Zeit, sich mit Valentine Greatrakes zu beschäftigen. Der Ire behauptete, Patienten heilen zu können, indem er ihnen die Hand auflegte. Manche, unter ihnen Sydenham, waren Zeuge von dessen Heilungen und beeindruckt, doch Boyle und andere hielten Great­rakes für einen Scharlatan.

„Abhandlung über die Gicht“

Sydenham litt mehr als 30 Jahre an Gicht. 1683 veröffentlichte er seine berühmte „Abhandlung über die Gicht“. Infolge seines Händezitterns konnte er sie nicht mehr selbst niederschreiben. Mehr als seine übrigen Schriften kennzeichnet sie den „vollendeten Meister der Heilkunst“ (Julius Pagel). Sydenham schreibt: „Langes Bücherstudium, wie manche andere es betreiben, ist nicht meine Sache. Ich schöpfe, wo irgend möglich, aus eigenen Beobachtungen und eigenem Nachdenken.“ Er sei ein alter Mann, Ruhm nach dem Tode reize ihn nicht: „Übrigens darf man sich nichts darauf zugutehalten, wenn man seine Bürgerpflicht ausübt und für das allgemeine Wohl arbeitet.“ Die Gicht befalle „meistens diejenigen alten Leute, die in früheren Tagen üppig gelebt, bei reichlichen Mahlzeiten dem Wein und anderen Spirituosen stark zugesprochen und schließlich träger geworden die Leibesübungen vernachlässigt haben, an die sie von Jugend auf gewöhnt waren.“ Sehr selten betreffe die Gicht Frauen, „auch Kinder und jüngere Individuen“ habe er noch nie an echter Gicht leiden sehen. Von Getränken seien „diejenigen die besten, die in der Mitte stehen zwischen dem starken Weine und dem schwachen Wasser, wie das Londoner Dünnbier mit oder ohne Hopfengehalt. Beide Extreme schaden. (…) Sollte Jemand hier einwenden, dass ein solches Leben mit gänzlicher Enthaltsamkeit von Wein und berauschenden Getränken kaum zu ertragen sei, so erwidere ich, man solle nur erwägen, ob es nicht bei weitem schlimmer und weniger erträglich ist, unter den Martern der (…) schweren Gicht täglich zu leiden, als sich die Beschränkung hinsichtlich des Trinkens aufzuerlegen (…).“ „Auf alle Weise“ müsse „ferner dauernde Gemütsruhe gesichert werden“. Als Behandlung empfiehlt Sydenham „Übungen in gesunder Luft (…), diätetisches Verhalten“ sowie Zurückhaltung beim „Liebesgenuss“.

In seiner letzten Abhandlung 1686 beschrieb Sydenham eine Form des Veitstanzes, die später nach ihm benannt wurde. Einige Wochen bis Monate nach einer Streptokokken-Infektion wie Angina tonsillaris oder Scharlach kommt es, wie später nachgewiesen wurde, zu einer autoimmunbedingten Zweiterkrankung. Typische Symptome sind unkontrollierbare, blitzartig ausfahrende Bewegungen der Hände, des Schlundes und der Gesichtsmuskulatur (Hyperkinesien) bei gleichzeitiger ­Muskelschwäche und Abschwächung der Reflexe. Betroffen sind vor allem Kinder von sechs bis 13 Jahren. Etwa 200 Jahre später entdeckte der New Yorker Arzt George Huntington (1850–1916) eine nichtinfektiöse vererbbare und überwiegend bei Menschen über 50 Jahre auftretende Variante, die er als Chorea major abgrenzte. Im Unterschied zu dieser ist Chorea minor Sydenham reversibel.

 


Literatur (Auswahl)

1. Bleker J: Die Geschichte der Nierenkrankheiten. Mannheim: Boehringer Mannheim GmbH 1972.
2. Dewhurst K: Dr. Thomas Sydenham (1624–1689). His Life and Original Writings. Berkley: University of California Press 1966.
3. Gubser AW: Charles Barbeyrac und Thomas Sydenham. Dissertation. Zürich: Juris-Verlag 1964.
4. Schuchart S: Thomas Sydenham, Rebell am Krankenbett. Deutsches Ärzteblatt, 2018, Jg. 115 (12): 60.
5. Seidler E: Geschichte der Pflege des kranken Menschen. Stuttgart: Kohlhammer Verlag, 5. Aufl. 1980.
6. Störig HJ: Kleine Weltgeschichte der Philosophie. Band 2. Frankfurt: Fischer Verlag 1984.
7. Sydenham T: Abhandlung über die Gicht (1681). Eingeleitet und übersetzt von Julius Leopold Pagel. Leipzig: Verlag von Johann Ambrosius Barth 1910.

 

Entnommen aus MT im Dialog 08/2026

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