Maurice Ralph Hilleman (1919–2005)
„Unter Wissenschaftlern ist er eine Legende. Aber für die breite Öffentlichkeit ist er das bestgehütete Geheimnis der Welt“, sagte Anthony S. Fauci, 1984 bis 2022 Direktor des National Institute of Allergy and Infectious Diseases (NIAID). „Ich denke, ohne Übertreibung, als Individuum hat er einen positiveren Einfluss auf die Gesundheit der Welt gehabt als jeder andere Wissenschaftler, jeder andere Impfbiologe in der Geschichte.“ (Übersetzung d. Verfassers)
Viel erreicht, doch wenig Anerkennung
Und Robert C. Gallo, Entdecker der ersten menschlichen Retroviren und seit 1996 Direktor des Institute of Human Virology an der University of Maryland, sagte, „… in der Geschichte des menschlichen Kampfes gegen Krankheitserreger …“ werde Hillemans Name „für immer“ mit Menschen wie Louis Pasteur und Robert Koch „verbunden sein“: „Wenn ich jemanden nennen müsste, der mehr zum Wohle der menschlichen Gesundheit getan hat und weniger Anerkennung bekommen hat als alle anderen, dann wäre es Maurice Hilleman. Maurice sollte als erfolgreichster Vakzinologe der Geschichte anerkannt werden.“ Einen Nobelpreis hat Hilleman gleichwohl nicht erhalten, denn mit dem Nobelpreis wird Grundlagenforschung gewürdigt, nicht praktische Anwendung. Doch er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, etwa die National Medal of Science – 1988 verlieh Präsident Ronald Reagan ihm die höchste Anerkennung des Landes für wissenschaftliche Arbeit. Hilleman war gut vernetzt und arbeitete mit vielen Menschen in akademischen Zentren und im Industriemanagement zusammen. Er wusste: Nur mit gemeinsamer Anstrengung ließen sich seine Forschungs- und Entwicklungsvorhaben umsetzen.
Hilleman wurde 1919 als jüngster von acht Geschwistern nahe Miles City, Montana, geboren. Seine Zwillingsschwester starb kurz nach der Geburt, seine Mutter zwei Tage später. Zusammen mit seinen Geschwistern wuchs Maurice auf einer Farm von Verwandten nicht weit vom Schlachtfeld am Little Big Horn auf. Sie hielten Rinder und Hühner, bauten Gemüse an und stellten Besen her, die sie in der Stadt verkauften. „Von einem Bauernhof kommend“, sagte er einmal, „hatte ich immer einen guten Freund namens Huhn“. 1999 führte er in einem Interview mit dem „Philadelphia Inquirer“ seine späteren Erfolge mit Impfstoffen auch auf seine Erfahrungen mit Hühnern zurück. Denn Hühnereier werden genutzt, um lebende Viren zu schwächen und Impfstoffe zu entwickeln. 1927 erkrankte Maurice schwer an Diphtherie. In der achten Klasse entdeckte er in der örtlichen Bibliothek Charles Darwins „Über die Entstehung der Arten“ (1859). Dies und ein Radiosender, der ein wissenschaftliches Programm aus Chicago übertrug, weckten sein Interesse an der Biologie. 1937 schloss er die Highschool ab. Da er finanziell mittellos war, nahm er zunächst Jobs in örtlichen Geschäften an. Sein älterer Bruder studierte Theologie und regte ihn an, sich für ein Stipendium zu bewerben. Mit 21 Jahren beendete Hilleman als Jahrgangsbester sein Chemie- und Mikrobiologiestudium an der Montana State University. Darauf erhielt er weitere Stipendien an zehn Universitäten und entschied sich für die University of Chicago, wo er sein Graduiertenstudium 1944 mit einer preisgekrönten Dissertation über Chlamydien abschloss. Darin zeigte er, dass Chlamydien keine Viren, sondern sehr kleine Bakterien sind, die sich als Parasiten nur in Wirtszellen vermehren können. Sie können zahlreiche Lebewesen infizieren, darunter auch Menschen. Durch sie hervorgerufene Erkrankungen betreffen etwa die Schleimhäute von Augen, Atemwegen und Genitalien.
Start in der Pharmaindustrie
Nach seinem Abschluss entschied Hilleman, seine Karriere nicht an einer Universität fortzusetzen, sondern in der Pharmaindustrie zu arbeiten. Seine erste Stelle hatte er bei E. R. Squibb and Sons, der späteren Pharmafirma Bristol-Myers Squibb. Hier begann er sofort mit der Impfstoffentwicklung. Im Zweiten Weltkrieg wurden etliche US-Soldaten im Südpazifikraum von der Japanischen Enzephalitis befallen. Sie wird durch das Japanische-Enzephalitis-Virus hervorgerufen. Wie der Erreger des Gelbfiebers gehört es zur Familie der Flaviviren. Das Erregerreservoir bilden vor allem wild lebende Vögel, aber auch Reptilien und Fledermäuse. Zwischenwirte für Infektionen des Menschen sind häufig Haustiere. Mücken der Gattungen Culex und Aedes geben die Viren durch Stiche weiter. Meistens verläuft die Erkrankung mild oder symptomfrei. Bei einem schwereren Verlauf zeigen sich Grippe-ähnliche Symptome wie Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Übelkeit und Erbrechen. Befällt der Erreger das zentrale Nervensystem, kommt es zu einer Enzephalitis mit Beeinträchtigung des Bewusstseins, Lähmungen, Meningitiszeichen und epileptischen Anfällen, die in 20 Prozent der Fälle tödlich enden können. Eine kausale Behandlung existiert nicht. 1944 fand Hilleman ein Serum gegen die Erkrankung.
1948 übernahm Hilleman am „Army Medical Center“ in Washington D.C. die Leitung der Abteilung für Atemwegserkrankungen. Nach dem Pathologen und Mikrobiologen Walter Reed (1851–1902) wurde es später in „Walter Reed Army Institute of Research“ umbenannt. Hilleman begann, sich mit dem Influenzavirus zu beschäftigen und fand, dass Influenza-A-Viren zunehmende antigene Eigenschaften namens „drift“ und „shift“ durchlaufen, die die Grundlage moderner Grippeimpfstoffstrategien bilden: „Antigenshift“ bezeichnet die Änderung der Antigene eines Virus, die durch den Austausch von Genen zwischen verschiedenen Viruslinien erfolgt. Dazu muss eine Wirtszelle durch unterschiedliche Viruslinien eines Virus infiziert werden. Gegenüber den durch Antigenshift entstandenen Varianten besteht keine Immunität; daher kann die Entstehung eines neuen Subtyps zu einer Pandemie führen, zum Beispiel der „Spanischen Grippe“ 1918, die Millionen Menschen das Leben kostete. „Antigendrift“ ist viel häufiger als Antigenshift: Hier kommt es durch Punktmutationen im Virusgenom zu Änderungen der Antigene eines Virus. Ursächlich kommen schnelle und fehlerhafte Genomreplikation sowie fehlende oder mangelhafte Reparaturmechanismen in Betracht. Hilleman fand, dass bei Influenza-A-Viren in regelmäßigen Abständen Antigendrifts auftreten. Deshalb muss man Impfstoffe jährlich den neuen Antigenmustern anpassen.
Impfstoff gegen die Hongkonger Grippepandemie
Ab 1957 begann Hilleman bei der Firma Merck, Sharp und Dohme (MSD) in West Point, Pennsylvania, zu arbeiten und leitete hier die Virus- und Zellbiologieforschung. Im April des gleichen Jahres tauchte in China ein neuer virulenter Influenzavirustyp auf, viele erkrankten lebensbedrohlich, allein in Hongkong mehr als 20.000. Hilleman las darüber in der „New York Times“ und befürchtete, dass sich eine Pandemie entwickeln könnte. Die neue Variante nannte er Asiatische Grippe. Nachdem er festgestellt hatte, dass die meisten Menschen keine Antikörper gegen das neue Virus aufwiesen, arbeiteten er und seine Mitarbeiter einige Wochen nahezu rund um die Uhr, um einen Impfstoff zu entwickeln. Dafür erhielt er die „Distinguished Service Medal“ der US Army – innerhalb von vier Monaten wurden 40 Millionen Dosen produziert. Die Grippe kostete 1957 und ’58 weltweit etwa zwei Millionen Menschen das Leben, in den USA etwa 70.000. Zehn Jahre später trug Hilleman zur Entwicklung eines Impfstoffs gegen die Hongkonger Grippepandemie bei. Er beriet die Weltgesundheitsorganisation, bereiste zahlreiche Länder und informierte zu Fragen rund um Impfungen.
Hilleman war zweimal verheiratet. Seine erste Frau starb früh, in zweiter Ehe war er seit 1963 mit der Krankenschwester Lorraine verheiratet. Er hatte zwei Töchter. Diese Geschichte wird immer wieder erzählt: Kurz bevor Hilleman 1963 zu einer Auslandsreise aufbrechen wollte, erkrankte seine Tochter Jeryl Lynn an Mumps. Er entnahm ihr einen Rachenabstrich, tauchte ihn in Rinderbrühe und deponierte ihn nachts im Tiefkühlschrank des Labors. Später isolierte er daraus das Mumps-Virus, züchtete es in Hühnerembryonen und stellte eine schwache Virusversion her. Sie rief bei Menschen, die damit geimpft wurden, eine Immunreaktion hervor und bewirkte lebenslange Immunität. Den Virusstamm nannte Hilleman nach seiner Tochter.
Eine Röteln-Pandemie hatte in den 1960er-Jahren fatale Folgen für ungeborene Kinder. Und an den Masern starben weltweit im Jahr mehr als eine Million Menschen. Hilleman entwickelte einen Impfstoff gegen Masern von Edmond Katz, Milo Milanovic und John Enders weiter und fand ein Vakzin gegen Röteln. Zudem entdeckte er, wie man Barrieren des Immunsystems überwinden und drei Impfungen in einer Spritze verabreichen kann (MMR = Masern, Mumps, Röteln). Die Kombination eignet sich besonders für Kinder, die Impfungen nur widerwillig über sich ergehen lassen. Der Jeryl-Lynn-Stamm ist heute noch Bestandteil des Dreifachimpfstoffs.
Hilleman machte früh auf die Kontamination eines Impfstoffs mit anderen Viren aufmerksam, zum Beispiel das SV-40 (= Simian-Virus 40), ein Polyomavirus, das unter bestimmten Bedingungen Tumoren hervorrufen kann. 1963 musste Hilleman einen Impfstoff gegen bestimmte Adenovirustypen wegen Kontamination mit SV-40-Viren zurückziehen. 1981 kam der von ihm entwickelte Impfstoff gegen Hepatitis B auf den Markt. Er basiert auf dem Oberflächenantigen des Virus, dem HBsAg (s = surface). Die Impfung funktionierte gut, wurde jedoch wegen der Befürchtung einer Kontamination mit HI-(Humane Immundefizienz-)Viren fünf Jahre später durch einen Impfstoff ersetzt, der mit rekombinanter Gentechnik hergestellt wurde und nicht auf menschlichem Serum beruhte.
Als Erster entwickelte Hilleman einen Impfstoff gegen ein Tumorvirus: Die Marek-Krankheit ruft bei Hühnern Lymphome hervor und verursacht in der Hühnerzucht große Schäden. Fauci beschrieb Hilleman als sowohl ungeduldig als auch sorgfältig: „Er hatte diese respektlose, nüchterne ‚Lass es uns erledigen‘-Einstellung, die seinen hoch entwickelten Intellekt perfekt ergänzte.“ „Sobald das Problem definiert und die Fakten bekannt sind, sind Entscheidung und Handeln kaum mehr als die Umsetzung des Offensichtlichen“, befand Hilleman zu seiner Arbeit. Sein Fazit: „Nun, wenn man auf sein Leben zurückblickt, sagt man: ‚Mensch, was habe ich getan – habe ich genug getan, um zu rechtfertigen, hier gewesen zu sein?‘ Das ist eine große Sorge – zumindest für die Menschen aus Montana. Und ich würde sagen, ich bin irgendwie zufrieden mit all dem. Ich würde es noch einmal machen, weil es große Freude macht, nützlich zu sein, und das ist die Befriedigung, die man daraus zieht. Ansonsten ist es die Suche nach wissenschaftlicher Erkenntnis und der Sieg über diese verdammten Mikroben.“
Literatur (Auswahl)
1. Kayser F, Bienz K, Eckert J, Lindemann J: Medizinische Mikrobiologie. Stuttgart: Georg Thieme Verlag, 6. Aufl. 1986.
2. Maugh TH: Maurice R. Hilleman, 85; Scientist Developed Many Vaccines That Saved Millions of Lives. In: Los Angeles Times, 13.04.2005.
3. Sullivan P: Maurice R. Hilleman Dies; Created Vaccines. In: Washington Post, 13.04.2005.
4. Tulchinsky TH: Maurice Hilleman: Creator of Vaccines That Changed the World. In: Case Studies in Public Health. 30. März 2018; 443–70, DOI: 10.1016/B978-0-12-804571-8.00003-2.
5. Wikipedia: Maurice Ralph Hilleman. de.wikipedia.org/wiki/Maurice_R._Hilleman (letzter Zugriff am 05.03.2026).
Entnommen aus MT im Dialog 05/2026
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