Mittags koche ich mir etwas und dann kommt das Beste: Den schläfrigen Mittagstiefpunkt nach einer warmen Mahlzeit auf der Couch liegend zu verbringen und einfach die Augen zufallen zu lassen.
So bin ich recht fit, wenn ich mich abends auf den Weg zum Dienst mache. Betrete ich das Krankenhaus, herrscht bereits im Foyer eine ganz eigene Atmosphäre. Gespräche werden gedämpft geführt und das Personal grüßt sich freundlicher als tagsüber.
Ich meine auch, einen ganz eigenen Duft im Haus zu riechen, gar nicht einmal unangenehm, eher wie der Duft einer warmen Sommernacht. Das allerdings haben meine Kolleginnen und Kollegen noch nie gerochen.
„Erzählt doch einmal, was euch zum Thema Nachtdienst so einfällt“, habe ich in meiner Abteilung diese Woche gefragt.
„Ich denke direkt an meinen besonderen Besuch!“, seufzt eine Kollegin und ich erinnere mich. Sie hatte nachts konzentriert an einem Arbeitsplatz gestanden, als sie plötzlich von hinten von einer Stimme angesprochen wurde. Mit einem riesigen Schrecken, wir schließen das Labor Tag und Nacht ab, drehte sie sich um. Hinter ihr stand die Polizei. Scheinbar hatte sie vergessen, eine Hintertür abzuschließen und gerade in dieser Nacht suchte die Polizei nach einem verschwundenen Patienten.
Denselben Schrecken bekam eine andere Kollegin. Bei ihr wurde von ihr unbemerkt der Akku des Telefons leer, sodass man sich im Haus Sorgen machte, weil sie nicht mehr erreichbar war. Zu dritt hatte man eine „Rettungsaktion“ gestartet und die Tür mit einem Universalschlüssel geöffnet, weil man befürchtete, dass die Laborantin hilflos am Boden liegen würde.
„Ich habe mich nachts auch schon einmal fürchterlich erschrocken“, erinnert sich eine weitere Kollegin. „Da stehe ich auf Intensiv in dem kleinen Raum am BGA-Gerät, als man ein Bett hereinfährt und geht. Auf dem Bett lag ein Patient, mit Laken bis über den Kopf zugedeckt. Oh, verstorben, denke ich, drehe mich wieder zu dem Gerät, höre aber plötzlich einen tiefen Seufzer hinter mir. Ich habe fast die Kapillare in meiner Hand zerbrochen! Der Patient war nicht verstorben. Scheinbar ist seine dünne Bettdecke einfach nur sehr weit bis ins Gesicht gerutscht.“
Unsere junge Kollegin sagt: „Ich bin froh, dass ich nachts allein bin. Ich bin so müde, ich würde niemanden um mich haben wollen, mit dem ich mich unterhalten müsste. Wenn irgendwann einmal beschlossen würde, dass wir nachts zu zweit arbeiten, würde ich sofort kündigen!“
Eine Kollegin in den Fünfzigern seufzt und sagt: „Leider ist nachts von Jahr zu Jahr immer mehr zu tun. Mittlerweile habe ich das Gefühl, dass ich arbeite und arbeite und bevor ich Pause machen kann, ist die Nacht schon wieder rum. Früher war das anders. Da war es so ruhig, da hatte ich auch schon mal meine Fußnägel gemacht, weil ich an dem Tag danach zum Badeurlaub wollte.“ Wir lachen.
„Wärst du barfuß in den Schockraum gerannt, wenn du plötzlich für ein Polytrauma ungekreuzte O neg hättest bringen müssen?!“ Alle haben vor Augen, wie sie barfuß, noch die Watte zwischen den Zehen hängend, durchs Haus läuft.
„Apropos rennen“, sagt nun eine Kollegin. „Ich habe das Gefühl, ich renne nachts nur noch ... vom Annahmefenster, zur Zentrifuge, durchs Haus zu den BGA-Geräten, wieder zum Labor ... Letztens versuchte ein Arzt am Annahmefenster nachts einen müden Witz zu machen und sagte mir mit verstellter dunkler Stimme: ‚Hallo, hier ist Dracula.‘ Da habe ich mit piepsiger Stimme geantwortet: ‚Und ich bin eine Rennmaus!‘…“
Ein schöner Tag vor der Nacht zu Hause und im Dienst wird es nie langweilig. Ich bin gerne eine Rennmaus im Labor!
Entnommen aus MT im Dialog 01/2026
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