Antikörper-Therapien gegen Alzheimer in der Kritik

Cochrane Review
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Symbolbild für Plaques im Gehirn.
© Dr_Microbe/stock.adobe.com
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Bisher gibt es keine überzeugend wirksamen Medikamente gegen Alzheimer-Demenz. Doch wie sieht es mit den Antikörper-Wirkstoffen aus, die gegen die typischen Eiweiß-Ablagerungen im Gehirn helfen sollen? Dies hat Cochrane untersucht.

Mit großen Erwartungen waren die neuen Medikamente gegen Alzheimer an den Start gegangen. Um Beta-Amyloid aus dem Hirngewebe zu entfernen, wurden mehrere monoklonale Antikörper entwickelt, die gezielt an Beta-Amyloid binden und so dessen Abbau beziehungsweise Entfernung fördern sollen. Dadurch sollte das Fortschreiten der Demenz aufgehalten oder zumindest verlangsamt werden. Das Ziel war, den Betroffenen wertvolle Lebensjahre mit geringeren kognitiven Einschränkungen zu ermöglichen. Doch ein Cochrane Review führt nun zu Ernüchterung. Die systematische Übersichtsarbeit hat die Ergebnisse aus 17 klinischen Studien mit insgesamt sieben verschiedenen Antikörpern gegen das Eiweiß Beta-Amyloid gemeinsam ausgewertet. Insgesamt flossen in die Übersichtsarbeit die Daten von 20.342 Teilnehmenden ein, deren mittleres Alter bei 70 bis 74 Jahren lag.

Bereits G-BA ist kritisch

Die sieben verschiedenen Antikörper wurden intravenös verabreicht – meist alle zwei bis vier Wochen. Die verschiedenen Antikörper-Therapien wurden in den Studien jeweils verglichen mit Placebo-Behandlungen bei Menschen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen oder leichter Alzheimer-Demenz. Die Vermutung war, dass die Wirkstoffe im Frühstadium der Erkrankung eher wirken, als wenn die Krankheit weiter fortgeschritten ist. Zu den untersuchten sieben Wirkstoffen zählten auch Lecanemab und Donanemab. Beide sind in der EU zur Behandlung von Alzheimer-Demenzen im Frühstadium zugelassen. Cochrane betont, dass schon der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) auf Basis der Studiendaten der Hersteller für beide Wirkstoffe keinen Zusatznutzen im Vergleich zum bisherigen Therapiestandard feststellen konnte. Die Beschlüsse des G-BA sind hierzulande die Grundlage für die Verhandlungen zwischen dem Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen und den Herstellern über den Preis der Arzneimittel.

„keinen klinisch bedeutsamen Unterschied“

Der jetzt veröffentlichte Cochrane-Review zeige bei der gemeinsamen Auswertung aller gesammelten Studienergebnisse, dass über einen Zeitraum von eineinhalb Jahren die Wirksamkeit der Antikörper-Medikamente gegen den Abbau der geistigen Fähigkeiten und der Fähigkeiten zur Alltagsbewältigung wahrscheinlich entweder gar nicht vorhanden oder so gering sei, dass sie nicht als klinisch relevant eingestuft werden konnte. „Leider legt die Evidenz nahe, dass diese Medikamente für die Erkrankten keinen klinisch bedeutsamen Unterschied machen“, sagt der Erstautor des Reviews Francesco Nonino, Neurologe und Epidemiologe am IRCCS Institut für Neurologische Wissenschaften in Bologna (Italien). Einige wenige der im Review ausgewerteten Studien hätten statistisch signifikante Unterschiede gezeigt. „Aber es ist wichtig, zwischen der statistischen Signifikanz und der klinischen Relevanz der Ergebnisse zu unterscheiden“, so Nonino.

Betrachtung der Nebenwirkungen

Mit Blick auf unerwünschte Arzneimittelwirkungen stellt die Übersichtsarbeit fest, dass die Antikörper-Medikamente wahrscheinlich das Risiko von speziellen Hirnschwellungen und kleinsten Blutungen im Gehirn erhöhen. Solche Veränderungen konnten in den Studien mit bildgebenden Verfahren nachgewiesen werden – häufig ohne dass bei den Patientinnen und Patienten entsprechende Symptome wie Kopfschmerzen, Verwirrtheit, Übelkeit, Schwindel, Seh- und Gangstörungen erkennbar waren. Über alle sieben Wirkstoffe insgesamt betrachtet sei beispielsweise die Zahl der Hirnschwellungen – asymptomatische und symptomatische – wahrscheinlich von 12 pro 1.000 Studienteilnehmer/-innen ohne Antikörper-Therapie bzw. mit Placebo auf rund 119 pro 1000 Teilnehmer/-innen mit Antikörper-Therapie gestiegen (11 Studien mit 13.595 Teilnehmenden und 18 Monaten Laufzeit, Vertrauenswürdigkeit der Evidenz nach GRADE: moderat, d.h., dass eine etwas größere Restunsicherheit besteht). Wie sich diese beobachteten Veränderungen im Gehirn langfristig auswirken, lasse sich wegen mangelnder Daten nicht sagen, so die Forschenden.

„großer Bedarf an wirksameren Behandlungen“

Die Autorinnen und Autoren des neuen Cochrane Reviews kommen zu dem Schluss, dass künftige Studien mit Antikörper-Wirkstoffen gegen Alzheimer-Demenz wahrscheinlich keinen klaren Nutzen für die Betroffenen zeigen werden. Sie betonen, dass mit den Antikörper-Wirkstoffen zwar Beta-Amyloid-Protein erfolgreich aus dem Gehirn entfernt werden könne, aber daraus kein klinisch bedeutsamer Nutzen entstehe. Sie empfehlen daher, dass der Fokus zukünftiger Alzheimer-Forschung auf anderen Mechanismen liegen sollte. Mehrere solcher Studien laufen bereits. „Ich sehe jede Woche in meiner Sprechstunde Patientinnen und Patienten mit Alzheimer-Demenz und wünschte, ich könnte ihnen eine wirksame Behandlung anbieten“, sagt Edo Richard, Professor für Neurologie am Radboud Universitätsklinikum in Nijmegen (Niederlande) und Mitautor des Cochrane Reviews. „Die bereits zugelassenen Medikamente bieten einigen Patientinnen und Patienten einen gewissen Nutzen, aber es besteht weiterhin ein großer Bedarf an wirksameren Behandlungen. Leider bieten die Medikamente gegen Beta-Amyloid dies nicht und bringen zusätzliche Risiken mit sich. Wir müssen daher andere Wege erkunden, um mit dieser verheerenden Erkrankung umzugehen.“

Literatur:
Nonino F, Minozzi S, Sambati L, et al.: Amyloid‐beta‐targeting monoclonal antibodies for people with mild cognitive impairment or mild dementia due to Alzheimer’s disease. Cochrane Database of Systematic Reviews 2026, Issue 4. Art. No.: CD016297. DOI: 10.1002/14651858.CD016297. Accessed 17 April 2026.

Ergänzung vom 17.4.2026:

Prof. Gabor Petzold, Direktor für klinische Forschung am DZNE, äußert Kritik an der jüngsten Bewertung des Gemeinsamen Bundesausschusses (G-BA) des Alzheimer-Medikaments „Donanemab“. Ebenfalls kritisch sieht er die aktuelle Übersichtsarbeit von „Cochrane“ zur Wirksamkeit mehrerer Amyloid-Antikörper – eine Medikamentenklasse, zu der auch Donanemab gehört. „Aus meiner Sicht bleibt Donanemab eine wertvolle Therapieoption – ebenso wie das wirkungsähnliche Medikament Lecanemab. Die Bewertungskriterien des G-BA halte ich nicht für angemessen. Und das Cochrane-Review hat aus meiner Sicht gravierende methodische Mängel“, so Petzold. „Richtig ist aber auch: Wir benötigen weitere, noch bessere Therapien.“ Alle Amyloid-Antikörper seien bei Cochrane gewissermaßen in einen Topf geworfen worden – auch solche, die in Studien gescheitert und nicht zugelassen sind. Bei dieser Vorgehensweise sei es wenig überraschend, dass unterm Strich ein negatives Ergebnis herauskomme. Man könne die verschiedenen Wirkstoffe nicht alle über einen Kamm scheren. Hier hätte es Petzold zufolge einer differenzierten Analyse bedurft.

Quelle: idw/Cochrane Deutschland/DZNE 

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