Studienleiter Dr. David Vauzour von der Norwich Medical School der University of East Anglia (UEA) sagt: „Demenz ist eine der größten Herausforderungen für die öffentliche Gesundheit unserer Zeit. Rund eine Million Menschen in Großbritannien leben mit dieser Erkrankung, weltweit sind mehr als 55 Millionen Menschen betroffen. Da die Fallzahlen mit der Alterung der Bevölkerung voraussichtlich stark ansteigen werden, ist die Notwendigkeit einer früheren Erkennung, besserer Unterstützung und wirksamer Präventionsstrategien dringender denn je.“ Könnten die gerade erst veröffentlichten Studienergebnisse zu einem Durchbruch bei der Demenzdiagnostik führen? Die Wissenschaftler haben entdeckt, dass subtile Veränderungen im Blut frühe Anzeichen kognitiven Abbaus aufzeigen können, lange bevor Symptome offensichtlich werden. Diese Veränderungen werden durch von Darmbakterien produzierte Substanzen verursacht. Dies sei ein Beleg dafür, dass die Darm-Hirn-Achse eine wichtige Rolle bei frühen Gedächtnisveränderungen spiele. Eine möglichst frühe Erkennung könnte rechtzeitige Anpassungen des Lebensstils, gezielte Interventionen und eine bessere Überwachung ermöglichen, so Vauzour.
Untersuchung von Blut und Stuhl
Forscher analysierten Blut- und Stuhlproben von 150 Erwachsenen ab 50 Jahren – von gesunden Personen bis hin zu solchen mit leichter kognitiver Beeinträchtigung, die häufig eine Vorstufe von Demenz ist. Eine dritte Gruppe umfasste Personen mit subjektiven Gedächtnislücken, die in standardisierten kognitiven Tests zwar normale Ergebnisse erzielten, aber spürten, dass etwas „nicht ganz stimmte“. Die Freiwilligen gaben nüchtern Blutproben ab, die untersucht wurden, um 33 Schlüsselmoleküle zu messen, die von Darmbakterien und aus der Nahrung produziert werden. Die Teilnehmer stellten außerdem Stuhlproben zur Verfügung, damit die Wissenschaftler die einzigartigen Bakteriengemeinschaften in ihrem Verdauungssystem kartieren konnten. Dr. Vauzour erklärt: „Mithilfe fortschrittlicher Computermodelle und KI-gestütztem maschinellem Lernen untersuchten wir, ob bestimmte Kombinationen dieser aus Darm und Nahrung stammenden Substanzen gesunde Menschen von solchen mit beginnendem kognitivem Abbau unterscheiden können.“
Machine-Learning-Modell hilft bei Einteilung
Es zeigte sich, dass sich selbst bei Menschen, die erst leichte Gedächtnisveränderungen bemerkt hatten, deutliche Veränderungen sowohl in ihrer Darmflora als auch in den Stoffwechselprodukten, die diese ins Blut abgeben, zu finden waren. Ein auf nur sechs dieser Stoffwechselprodukte (Indoxylsulfat, Cholin, 5-Hydroxyindolessigsäure, Isopropanol, Kynurensäure und Kynurenin) basierendes Machine-Learning-Modell habe die Probanden mit einer Genauigkeit von 79 Prozent in drei Gruppen einteilen und gesunde Erwachsene mit über 80 Prozent Genauigkeit von solchen mit leichten kognitiven Beeinträchtigungen unterscheiden können. Entscheidend sei, dass die chemischen Veränderungen im Blut der Probanden eng mit Unterschieden in bestimmten Darmbakterien zusammenhingen, betont Dr. Vauzour. Dies untermauere die zunehmenden Hinweise darauf, dass die sogenannte Darm-Hirn-Achse – das Kommunikationsnetzwerk zwischen unserem Verdauungssystem und dem Gehirn – eine wichtige Rolle beim kognitiven Altern spielen könnte.
Künftig neue Therapiemöglichkeiten?
Es sei zwar noch kein Diagnosetest vorhanden, doch Koautor Dr. Simon McArthur von der Queen Mary University of London bekräftigt, dass die Ergebnisse darauf hindeuteten, dass mithilfe von Ernährungs- und Mikrobiominformationen Demenz frühzeitig erkennbar sein könnte, möglicherweise sogar noch bevor es zu erheblichen Hirnschäden komme. Die Hoffnung ruht nun darauf, dass die Studienergebnisse den Weg ebnen könnten, einfache, nicht-invasive Bluttests zu entwickeln, mit denen sich Menschen mit einem erhöhten Risiko für Gedächtnisverlust Jahre vor der typischen Demenzdiagnose identifizieren lassen könnten. Zudem unterstreiche die Studie das Potenzial des Darmmikrobioms als Ansatzpunkt für den Schutz der Hirngesundheit. Dr. Vauzour gibt zu bedenken, dass künftig möglicherweise Behandlungen mit Ernährung, Probiotika, mikrobiombasierten Therapien oder personalisierter Ernährung Teil von Demenzpräventionsstrategien sein könnten.
Quelle: University of East Anglia
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