Auswirkungen von Kurzvideos auf Aufmerksamkeit, Gedächtnis und Wohlbefinden
Im Gegensatz zu klassischen digitalen Medien zeichnen sich Kurzvideo-Plattformen durch schnell wechselnde Inhalte, hochgradig personalisierte Empfehlungen und eine gezielte Maximierung der Nutzungsdauer aus. Genau hier setzt eine Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universität Bayreuth an: Sie untersucht, ob und wie dieses spezifische Design – und nicht nur der Inhalt – neurokognitive und emotionale Effekte bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen beeinflussen kann.
„Unser Ziel war es, auf Grundlage wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse, ein differenziertes Verständnis über die Auswirkungen von Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln und damit die Grundlage zu schaffen, um über pauschale Aussagen wie ‚weniger Bildschirmzeit‘ hinauszugehen“, erklärt Marlene Ebster, Absolventin des Masterstudiengangs Gesundheitsökonomie am Institut für Medizinmanagement und Gesundheitswissenschaften (IMG) der Universität Bayreuth und Erstautorin des Artikels „Taming the endless scroll“, der nun im Fachmagazin European Child & Adolescent Psychiatry erschienen ist. „Wir wollten verstehen, welche Rolle Plattformdesign, Nutzungsroutinen und algorithmische Mechanismen spielen.“
Die Analyse folgt den etablierten PRISMA- und Cochrane-Leitlinien und umfasst wissenschaftliche Studien aus den Jahren 2015 bis 2025. Insgesamt wurden rund 1.500 Datensätze gesichtet, von denen 42 Studien mit rund 47.000 Teilnehmenden in die finale Auswertung einflossen. Das Durchschnittsalter lag bei 16,8 Jahren. Der Großteil der Studien bestand aus Querschnittsuntersuchungen, ergänzt durch Längsschnitt- sowie einzelne EEG- und MRT-Studien.
Zunahme von Unaufmerksamkeit und Impulsivität
Die Ergebnisse zeigen: Eine intensive und unstrukturierte Nutzung von Kurzvideo-Plattformen steht im Zusammenhang mit einer Reihe negativer Effekte. Hierbei wird, heuristisch auf Grundlage der vorliegenden Studien, eine tägliche Nutzungsdauer von vier oder mehr Stunden als „intensive Nutzung“ definiert. Der Begriff „unstrukturierte Nutzung“ bezieht sich auf das Scrollen von Kurzvideos ohne feste Routine. Davon abzugrenzen ist die strukturierte Nutzung, etwa während des Pendelns oder als gemeinsame Aktivität in sozialen Settings. Unstrukturiert wird die Nutzung vor allem dann, wenn sie spontan erfolgt und Schlafenszeiten oder Lernphasen nach hinten verschiebt.
Die negativen Effekte sind konkret die Zunahme von Unaufmerksamkeit und Impulsivität in einem leichten bis moderaten Rahmen. Außerdem lassen sich statistische Zusammenhänge mit geringerer Arbeitsgedächtniskapazität und eingeschränkter Selbstregulation beobachten. Ebenso treten höhere Werte für Angst, Depression und Stress auf. Darüber hinaus deuten bildgebende Studien auf mögliche neurobiologische Zusammenhänge hin, etwa Veränderungen in der grauen Substanz sowie in der neuronalen Signalsynchronisation.
Neben Risiken identifiziert die Arbeit auch mögliche Schutzmechanismen. Ein unterstützendes soziales Umfeld, klare digitale Routinen sowie ausgeprägte Medienkompetenz können helfen, negative Effekte zu reduzieren. „Besonders wichtig ist es, junge Menschen nicht allein zu lassen, sondern sie zu befähigen, bewusst mit digitalen Angeboten umzugehen“, sagt Ebster.
Handlungsbedarf auf regulatorischer Ebene
Die Ergebnisse richten sich an ein breites Publikum: Eltern, Schulen, Universitäten, Ärztinnen und Ärzte, Therapeutinnen und Therapeuten, aber auch App-Designer und politische Entscheidungsträger. Sie unterstreichen die Notwendigkeit, differenzierter über digitale Mediennutzung zu sprechen und insbesondere die Rolle des Plattformdesigns stärker in den Blick zu nehmen. Für den Alltag bedeutet das: Statt ausschließlich die Nutzungsdauer zu betrachten, sollten Strukturen und (digitale) Kompetenzen geschaffen werden, die eine bewusste Nutzung von Kurzvideo-Plattformen fördern, etwa durch feste digitale Routinen, ein besseres Verständnis von Algorithmen und gezielte Unterstützung junger Menschen.
Die Autorinnen und Autoren betonen zugleich, dass weiterer Forschungsbedarf besteht – insbesondere in Form von Längsschnitt- und experimentellen Studien. Außerdem sehen sie Handlungsbedarf auf regulatorischer Ebene. „Bereits heute ist es notwendig, Rahmenbedingungen für Kurzvideo-Plattformen zu entwickeln, die insbesondere vulnerable Gruppen schützen“, heißt es in der Studie.
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