Genstudie zu Borderline zeigt Risiken und Überschneidungen
Die Borderline-Persönlichkeitsstörung (BPD) ist eine schwere psychische Erkrankung. Sie äußert sich durch emotionale Instabilität, impulsives Verhalten, ein gestörtes Selbstbild und erhebliche Schwierigkeiten in zwischenmenschlichen Beziehungen. In westlichen Ländern sind etwa 0,9 bis 1,9 Prozent der Bevölkerung betroffen – mit deutlich höheren Diagnoseraten bei Frauen. Viele Betroffene zeigen selbstverletzendes Verhalten, suizidale Gedanken oder wiederholte Suizidversuche. Trotz der hohen psychischen Belastung, häufigen Begleiterkrankungen und fehlender spezifischer Medikamente sind die biologischen Ursachen bislang kaum verstanden.
Risikoregionen und mögliche Gene
Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit (ZI) in Mannheim führte die bislang größte genomweite Assoziationsstudie zur BPD durch. Die Analyse umfasst die genetischen Daten der rund 13.000 betroffenen Personen sowie mehr als 1,1 Millionen Kontrollpersonen aus insgesamt 14 Ländern. Die Forschenden wollten genetische Risikofaktoren für die Erkrankung identifizieren und besser verstehen, welche biologischen Mechanismen bei der Erkrankung eine Rolle spielen. So analysierten sie Millionen genetischer Varianten im Erbgut der Teilnehmenden. Dabei identifizierten sie unabhängige genomische Regionen, die mit einem erhöhten Risiko für BPD assoziiert waren. Ferner benannten sie neun spezifische Gene, die zur Krankheitsentstehung beitragen könnten.
Welche Vorhersagen ergeben sich dadurch?
Die untersuchten genetischen Faktoren weisen ein Risiko von etwa 17 Prozent auf, anfällig für die Erkrankung zu sein. Mit einem auf den Ergebnissen basierenden polygenen Score (PGS) ließ sich das individuelle Erkrankungsrisiko zu 4,6 Prozent vorhersagen. „In unserer Analyse konnten wir gleich mehrere neue Risikogene für BPD identifizieren – ein wichtiger Schritt hin zu einem tieferen Verständnis der genetischen Architektur dieser komplexen Erkrankung. Die Ergebnisse zeigen deutlich, dass die BPD, ähnlich wie andere psychische Erkrankungen, eine polygene Grundlage hat“, sagt Privatdozentin Dr. Stephanie Witt, Kommissarische Leiterin der Abteilung Genetische Epidemiologie in der Psychiatrie am ZI.
Überschneidungen mit anderen Erkrankungen
Insgesamt wurde ermittelt, dass genetische Risikofaktoren für BPD deutliche Überschneidungen mit anderen psychischen und körperlichen Erkrankungen aufweisen. Besonders starke genetische Gemeinsamkeiten fanden sich mit der posttraumatischen Belastungsstörung, Depression, ADHS, antisozialem Verhalten, Suizidalität und selbstverletzendem Verhalten. Daneben gab es genetische Überlappungen mit körperlichen Erkrankungen wie chronisch obstruktiver Lungenerkrankung (COPD) und Diabetes. Zusammenfassend heißt das: Die BPD ist eine hochkomplexe, polygene Erkrankung, deren genetische Grundlagen mit anderen psychiatrischen und somatischen Erkrankungen verknüpft sind.
Aussagen der Autoren
„Die Borderline-Persönlichkeitsstörung zählt zu den schwersten psychischen Erkrankungen – und dennoch wissen wir bislang erstaunlich wenig über ihre biologischen Grundlagen. Unsere Studie zeigt erstmals auf genetischer Ebene, dass die BPD mit einer Vielzahl anderer psychiatrischer und auch körperlicher Erkrankungen in Zusammenhang steht. Das eröffnet neue Wege, um die Ursachen besser zu verstehen und langfristig auch die Versorgung der Betroffenen zu verbessern“, sagt Dr. Fabian Streit, Mitarbeiter des Hector Instituts für Künstliche Intelligenz in der Psychiatrie (HITKIP) am ZI.
„Die Ergebnisse verdeutlichen, wie stark polygen die genetische Architektur der BPD ist. Sie erinnern an die frühen Schizophrenie-Studien vor rund 15 Jahren, die auch nur eine Handvoll Risikoloci identifizieren konnten – bevor durch immer größere internationale Kooperationen ein exponentielles Wachstum an Befunden erreicht wurde. Ein entsprechender Verlauf ist auch für Borderline zu erwarten. Besonders wichtig ist dabei, dass wir nun den Schritt in Richtung diverserer Abstammungsgruppen gehen und die genetischen Befunde mit klinischen Phänotypen und Umweltfaktoren – etwa Traumatisierungen – verknüpfen. Nur so lassen sich Mechanismen entschlüsseln, die langfristig auch für die Entwicklung gezielter therapeutischer Ansätze nutzbar sind“, sagt Prof. Dr. Stephan Ripke, Leiter des Labors für Statistische Genetik an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Charité – Universitätsmedizin Berlin.
Prof. Dr. Christian Schmahl, Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin am ZI ergänzt: „Die neue Studie liefert wichtige Impulse für ein besseres Verständnis der biologischen Ursachen und daraus ableitbaren Therapiemöglichkeiten. Die Ergebnisse passen sehr gut zu unserem immer stärker transdiagnostischen Ansatz und unterstreichen, dass wir unsere Behandlungspläne auf Komorbiditäten abstimmen.“
Große Datensätze und diversere Abstammung
Das Forschungsteam hofft auf ein erhebliches Potenzial in weiteren, größeren Datensätzen und in der Einbeziehung vielfältiger Abstammungsgruppen. Durch differenziertere Phänotypisierungen und dynamische Omics-Maße wie Epigenomik und Trankskriptomik sollen genetische Risiken im Zusammenspiel mit Umwelteinflüssen oder traumatischen Erfahrungen erfasst werden. Die Wissenschaftler stellen ihre Ergebnisse der Gemeinschaft zur Verfügung. Ihre Daten sollen Anschlussarbeiten erleichtern und langfristig der Patientenversorgung zugutekommen. Andere Studien zeigten bereits, dass Medikamente mit genetischer Unterstützung häufige Erfolge in klinischen Prüfungen aufweisen.
Quelle: idw/zi
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