Ovarialkarzinom: Interview mit der Pathologin Prof. Dr. Annette Staebler

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Symbolbild für Ovarialkarzinom
© Nuchjaree/stock.adobe.com
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Insgesamt zeigt sich beim Ovarialkarzinom ein heterogenes Krankheitsbild: Neben Low-Risk-Karzinomen gibt es fünf pathogenetisch unabhängige Hauptgruppen und mehr als 70 verschiedene Tumortypen.

Ein Eierstock hat im reproduktiven Alter der Frau die Größe einer Mandel oder einer kleinen Pflaume. Das macht die pathologische Diagnostik anspruchsvoll. Anfang des Jahres 2026 erschien eine aktuelle Version der S3-Leitlinie zum Ovarialkarzinom. Das Kapitel zur Pathologie wurde komplett neu gefasst – ein Ausdruck des wachsenden Stellenwerts der Pathologie als zentrale Steuerungsinstanz der Präzisionsmedizin. Über ihre hochkomplexe diagnostische Detektivarbeit und den Team-Spirit in Tübingen spricht Prof. Dr. Annette Staebler, Oberärztin mit Bereichsleitung Gynäkologische Pathologie und Mammapathologie im Department für Pathologie und Neuropathologie am Universitätsklinikum Tübingen.

Wie viele Typen des Ovarialkarzinoms werden unterschieden?
Prof. Dr. Annette Staebler: Es gibt laut aktueller WHO-Klassifikation fünf große pathogenetisch unabhängige, histologisch und molekular unterschiedliche Gruppen von Ovarialkarzinomen. Dazu zählen unter anderem high-grade seröse, low-grade seröse, endometrioide, klarzellige und muzinöse Karzinome. Jeder dieser Typen kann in verschiedene biologische Abstufungen eingeteilt werden – in gutartige Borderline-Varianten und eindeutig bösartige Varianten. Daneben gibt es weitere Tumorgruppen, etwa Keimzelltumoren oder Keimstrang-Stromatumoren, die ebenfalls zahlreiche Unterformen besitzen. Insgesamt zählen wir über 70 Gewebeveränderungen, die sich in den Eierstöcken bilden können – und zahlreiche davon sind bösartig.

Wie gehen Sie bei dieser Komplexität in der pathologischen Diagnostik vor?
Prof. Dr. Annette Staebler: Es ist wie Detektivarbeit, Ausgangspunkt dabei ist das Mikroskop. Anhand der Gewebestruktur und Zellmorphologie entwickle ich eine Verdachtsdiagnose. Wer viele schwierige Fälle gesehen hat, erkennt typische Muster schneller und kann gezielter entscheiden, welche zusätzlichen Untersuchungen folgen müssen. Immunhistochemische Marker – wie WT1 oder p53 – oder Hormonrezeptoren – wie Östrogen- und Progesteronrezeptoren – helfen mir, verschiedene Tumortypen voneinander zu unterscheiden. So lässt sich ein Großteil der Tumoren zuverlässig klassifizieren. Ergänzend kommen molekulare Untersuchungen neuer Zielstrukturen hinzu. Diese Untersuchungen sind nicht nur für die Diagnostik wichtig, sondern entscheiden etwa über die Auswahl von PARP Inhibitoren und anderen zielgerichteten Therapien. Zudem verbessern sie die Voraussagbarkeit des Therapieverlaufs.

Wie wichtig ist die Abstimmung mit anderen Organpathologinnen und -pathologen?
Prof. Dr. Annette Staebler: Die Abstimmung ist sehr wichtig. Tumoren im Eierstock müssen nicht zwangsläufig dort entstanden sein. Häufig handelt es sich um metastasierte Tumoren aus dem Gastrointestinaltrakt, beispielsweise kleine Magenkarzinome. Wenn ich einen solchen Verdacht habe, schalte ich spezialisierten Kolleginnen und Kollegen ein. Für die gesamte pathologische Diagnostik – gerade die der seltenen und schwierigen Fälle – ist die Pathologie in Tübingen nicht nur technologisch sehr gut aufgestellt. Es macht mir Spaß, hier zu arbeiten und meine Erfahrung in die Ausbildung der jüngeren Kollegen einzubringen. Besonders die enge Zusammenarbeit mit den klinischen Teams in der Frauenklinik motivieren mich. Wenn aus dem Operationssaal ein Anruf kommt und gezielt meine Expertise gefragt ist, empfinde ich das als Bestätigung, an der richtigen Stelle zu sein.

Was war für Sie beim Ovarialkarzinom vor wenigen Jahren noch nicht sichtbar?
Prof. Dr. Annette Staebler: Da gibt es einiges, ein Beispiel ist dies: Traditionell wurde angenommen, dass Ovarialkarzinome primär in den Eierstöcken entstehen. Der Ursprung bei einem großen Teil liegt aber im Eileiter. Viele der aggressivsten Ovarialkarzinome bilden sich biologisch als frühe mikroskopische Vorstufen im Eileiter und breiten sich aus. Das gilt für den wichtigsten Subtyp‚ „high-grade seröses Karzinom HGSC“, er macht etwa 60 Prozent der Ovarialkarzinome aus. Diese Erkenntnis ist das Ergebnis der wissenschaftlichen Entwicklung meines Fachs in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren. Somit kann etwa bei vielen Patientinnen durch eine frühzeitige Entfernung der Eileiter, wenn die Familienplanung abgeschlossen ist, ein mögliches Ovarialkarzinom verhindert werden.

Gerade die seltenen und komplizierten Fälle faszinieren mich bis heute am meisten. Wenn ich Schritt für Schritt verstehe, was hinter einem Tumor steckt, verschiedene Möglichkeiten ausschließe und am Ende die richtige Diagnose finde, ist das unglaublich befriedigend. In solchen Momenten merke ich, warum ich morgens aufstehe: Die präzise diagnostische Einordnung ist für mich ein persönlicher Auftrag gegenüber jeder betroffenen Frau. Meine zweite persönliche Verpflichtung lautet: spezialisiertes Wissen und Erfahrungen an den Pathologie-Nachwuchs weitergeben.

Quelle: Deutsche Gesellschaft für Pathologie e.V.

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