Jedes sechste Kind, zwei Drittel der Männer und die Hälfte der Frauen leiden in Deutschland an Übergewicht oder starkem Übergewicht. Ab einem Body-Mass-Index (BMI) von 30 sprechen Fachleute von Adipositas. Adipositas ist eine komplexe und weit verbreitete chronische Erkrankung, die zu schweren Folgeerkrankungen wie Herzinfarkt, Diabetes oder Krebs führen kann. Hinzu kommt, dass Adipositas große soziale Auswirkungen hat, mit Diskriminierung verbunden ist und gesellschaftliche Teilhabe erschwert. Die Zahlen steigen – Fachgesellschaften sprechen gar von einer „Adipositas-Epidemie“.
Ein am 21. Januar erschienener Policy Brief in der Reihe „Leopoldina Fokus“ der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina schlägt Strategien zur Eindämmung von Adipositas vor. Die beteiligten Autorinnen und Autoren empfehlen, Maßnahmen zur Prävention und Therapie zu verbinden, beispielsweise durch Abgaben auf stark zucker- oder fetthaltige Lebensmittel und eine bessere Zugänglichkeit zu Adipositas-Medikamenten wie die Abnehmspritze.
Hohe gesamtgesellschaftliche Kosten
Der Policy Brief stellt dar, wie starkes Übergewicht nicht nur schwere Folgeerkrankungen bedingen kann, sondern dadurch auch hohe gesamtgesellschaftliche Kosten verursacht. Laut den Autorinnen und Autoren lassen sich die Folgekosten auf 2 bis 3 % des deutschen Bruttoinlandsprodukts schätzen, also circa 113 Milliarden Euro. Durch eine Kombination von Präventionsmaßnahmen und neuen Therapieansätzen ließen sich Kosten sparen beziehungsweise hohe Gesundheitsgewinne erzielen.
Die Autorinnen und Autoren schlagen für die Vermeidung von Adipositas frühe Präventionsmaßnahmen vor, die bereits in der Schwangerschaft oder in Kitas ansetzen, beispielsweise durch die Vermittlung von Gesundheits- und Bewegungskompetenzen. Sie empfehlen zudem regulatorische Maßnahmen wie Abgaben auf stark zucker- oder fetthaltige Lebensmittel. Solche auch als „Zuckersteuer“ bekannten Abgaben haben in anderen Ländern wie im Vereinigten Königreich große Wirkung erzielt. Maßnahmen dieser Art könnten auch durch eine Verringerung der Abgaben auf gesunde Lebensmittel begleitet werden. Die Autorinnen und Autoren sprechen sich zudem für eine nationale Adipositas-Präventionsinitiative aus, die Maßnahmen ressortübergreifend koordiniert und die Datengrundlage zur Adipositas verbessert.
Verschreibung von Abnehmmedikamenten
Um Adipositas-Patientinnen und -Patienten effektiv zu behandeln, betonen die Autorinnen und Autoren, dass verschiedene Therapieformen individuell aufeinander abgestimmt werden sollten. Dazu zählen die Verschreibung von Abnehmmedikamenten, Lifestyle-Interventionen wie Gesundheitsverhaltenstrainings, psychologische Unterstützung oder – wo nötig – chirurgische Eingriffe wie Magen-Bypässe. Medikamente wie Abnehmspritzen, sogenannte Inkretin-Mimetika, unterstützen beim Gewichtsverlust und vermeiden Begleiterkrankungen wie Typ-2-Diabetes. Diese Medikamente sind derzeit jedoch kaum für Adipositas-Betroffene verfügbar. Die Gesetzgebung verhindert, dass die Kosten der Inkretin-Mimetika für die Adipositas-Behandlung von den Krankenkassen übernommen werden. Die Autorinnen und Autoren sprechen sich für eine Anpassung der Gesetzgebung aus, um moderne Adipositas-Medikamente für alle betroffenen Bevölkerungsgruppen zugänglich zu machen.
In der Reihe „Leopoldina Fokus“ erscheinen Policy Briefs, die aktuelle Themen aus wissenschaftlicher Perspektive einordnen. Sie basieren auf dem fachlichen Austausch ausgewiesener Expertinnen und Experten der Leopoldina. Dieser Policy Brief wurde von der Arbeitsgruppe „Strategien zur Prävention und Therapie der Adipositas“ erarbeitet.
Quelle: Leopoldina
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