Nordamerika und Europa: Neue Hotspots für Chikungunya?

Klimawandel verändert Bedingungen
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Weibliche Aedes albopictus nimmt eine Blutmahlzeit zu sich.
Weibliche Aedes albopictus © CDC/ James D. Gathany, public domain
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Wissenschaftler gehen davon aus, dass sich - begünstigt durch die globale Erwärmung - das durch Mücken übertragene Chikungunya-Virus voraussichtlich in gemäßigte Regionen ausbreiten wird.

Chikungunya (in der Sprache der afrikanischen Makonde: „der gekrümmt Gehende“ – benannt nach den charakteristischen Gelenkschmerzen) wird von der Weltgesundheitsorganisation als eine der vernachlässigten Tropenkrankheiten eingestuft. Verursacht wird die Krankheit durch ein Virus, das von Aedes-Mücken übertragen wird. Zu den Symptomen gehören hohes Fieber, Fatigue, Übelkeit, Hautausschlag und eben die typischen Muskel- und Rückenschmerzen sowie Kopfschmerzen. Das Europäische Zentrum für die Prävention und die Kontrolle von Krankheiten (ECDC) schätzt, dass es im Jahr 2026 weltweit bisher schon etwa 33.000 symptomatische Chikungunya-Fälle gab – darunter neun Todesfälle –, die überwiegend in Südamerika auftraten. 18 Länder haben demnach laufende Ausbrüche zu verzeichnen. Derzeit ist das Virus in Europa oder Nordamerika nicht endemisch; dort beschränken sich die Fälle auf Reisende, die aus tropischen oder subtropischen Regionen zurückkehren. Für Deutschland hat das RKI für 2026 bereits 158 Fälle erfasst. Im vergangenen Jahr waren es 227 erfasste Fälle von Chikungunya-Fieber.

Neue Mutation in der DNA des Virus

Ein chinesisches Forscherteam kommt nun zu dem Schluss, dass sich die Lage bis 2100 ändern dürfte. „Derzeit gelten 139 Länder oder Regionen – die zusammen 21,3 % der weltweiten Landfläche ausmachen – als Risikozonen für das Chikungunya-Virus. Wir zeigen jedoch, dass sich das Virus auf der Grundlage von Klimawandelmodellen weiter nach Norden in gemäßigte Regionen ausbreiten wird – insbesondere in den Nordosten Nordamerikas, nach Mitteleuropa und nach Ostasien“, erklärte Dr. Ye Xu, Forscher an der Zhejiang Chinese Medical University in Hangzhou (China) und einer der korrespondierenden Autoren der Studie. Bis vor Kurzem wurde Chikungunya hauptsächlich durch die Gelbfiebermücke (Aedes aegypti) übertragen – eine Art, die in menschlichen Siedlungen in den Tropen ideale Lebensbedingungen vorfindet. Als Wissenschaftler jedoch die vielbeachtete Epidemie der Jahre 2005 und 2006 untersuchten – die sich über Réunion, Mauritius, die Komoren und Teile Indiens erstreckte, etwa 266.000 Menschen erkranken ließ und mindestens 254 Todesfälle forderte –, entdeckten sie eine neue Mutation („E1-A226V“) des Virus. Diese Mutation sorgte dafür, dass das Virus nun auch mit einem alternativen Überträger kompatibel war: der Asiatischen Tigermücke (Aedes albopictus). 

Wie verändern sich die Verbreitungsgebiete?

Xu und seine Kollegen modellierten die Nischenanforderungen des Chikungunya-Virus sowie seiner beiden Mückenvektoren auf der Grundlage zehntausender georeferenzierter Nachweise ihres weltweiten Vorkommens. Sie prognostizierten, wie sich ihre aktuellen Verbreitungsgebiete bis zum Jahr 2100 verändern könnten – basierend auf 16 Klimaszenarien, die vom IPCC entwickelt wurden. Diese Szenarien – die beispielsweise Bezeichnungen wie „Green Shift“ (Grüne Wende), „Regional Rivalry“ (Regionale Rivalität) oder „Fossil-fueled Development“ (Fossil gestützte Entwicklung) tragen – skizzieren fünf alternative Pfade für die globale sozioökonomische Entwicklung. Zudem berücksichtigten die Autoren in ihren Klimamodellen 16 verschiedene Variablen, darunter Windgeschwindigkeit, Höhenlage, Niederschlagsmengen sowie Minimal- und Maximaltemperaturen. Das Ziel der Wissenschaftler bestand darin, künftige Hochrisikoregionen für das Chikungunya-Virus zu identifizieren, um den zuständigen Gesundheitsbehörden genügend Zeit für die Vorbereitung auf künftige Ausbrüche einräumen zu können.

Bedeutung der Asiatischen Tigermücke

„Unsere Ergebnisse zeigen, dass der Klimawandel die Ausbreitung des Chikungunya-Virus vor allem dadurch beeinflusst, dass er die Lebensräume seiner Mückenvektoren verändert. In unserer Studie kam dabei der Asiatischen Tigermücke eine besonders wichtige Rolle zu: Sie erklärt mehr als 70 Prozent der prognostizierten Virusverbreitung“, fasste Dr. Yang Wu vom Guangzhou Customs Technology Center zusammen, der ebenfalls als korrespondierender Autor an der Studie beteiligt war. „Da diese Mückenart kühlere Bedingungen besser tolerieren kann als die Gelbfiebermücke, könnte die globale Erwärmung ihr die Ansiedlung in Regionen ermöglichen, die ihr bislang zu kalt waren. Sobald sich geeignete Mückenpopulationen etabliert haben, steigt das Risiko einer lokalen Übertragung des Chikungunya-Virus“, erläuterte Wu.

Zeit für Vorbereitungen nutzen

Das genaue Ausmaß der Krankheitsausbreitung hing zwar vom jeweiligen Klimaszenario ab; Nord- und Mitteleuropa, der Nordosten Nordamerikas sowie Ostasien erwiesen sich jedoch in allen Szenarien als künftige Hotspots. Die Autoren empfehlen daher, dass diese Regionen bis zum Jahr 2040 entsprechende Mückenüberwachungssysteme sowie geeignete Maßnahmen im Bereich der öffentlichen Gesundheitsvorsorge implementieren sollten. Es bestehe zwar kein Grund zur Panik in der Bevölkerung, allerdings sollten sich die Gesundheitssysteme frühzeitig auf die künftigen Entwicklungen einstellen, mahnte Xu. Die Gesundheitsbehörden könnten beispielsweise schon jetzt aktiv werden: durch die Überwachung der Aedes-Mückenbestände, die Schulung von Ärzten zur raschen Erkennung von Chikungunya-Fällen, die Intensivierung der Mückenbekämpfung sowie die Ausarbeitung von Notfallplänen für den Ernstfall – noch bevor es überhaupt zu Ausbrüchen komme. Diese Schritte seien insbesondere in den gemäßigten Klimazonen von großer Bedeutung, in denen das Chikungunya-Virus bislang noch kein routinemäßiges Thema der öffentlichen Gesundheitsvorsorge dargestellt habe. Eine Begrenzung der weiteren globalen Erwärmung sowie Investitionen in die grundlegende Vorsorge könnten dazu beitragen, das Risiko zu verringern, dass die künftige Ausbreitung des Virus zu großflächigen Epidemien führe, so die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler.

Literatur:
Zhang Q, Zhang L, Ma Y, et al.: (2026) Predicting the global risk of chikungunya virus under climate change using ensemble species distribution models. Front. Cell. Infect. Microbiol. 2026, 16: 1808175, DOI: 10.3389/fcimb.2026.1808175.

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