Wenn Prostatakrebs früh entdeckt wird, ist er in der Regel gut zu behandeln. Schwieriger wird es, wenn der Krebs erst spät entdeckt wird, da er auf andere Körperregionen übergehen und Metastasen bilden kann. Metastasierte Prostatakarzinome sind deutlich schwieriger zu therapieren. Manchmal bleibt kaum eine Chance, den Krebs zu besiegen, insbesondere wenn die Krebszellen „kastrationsresistent“ sind. Das bedeutet, dass sie permanent wachsen und sich vermehren, obwohl der Testosteronspiegel, der für das Wachstum des Tumors unabdingbar ist, durch eine Hormontherapie deutlich gesenkt wurde.
Bisherige Therapie stößt an Grenzen
In den vergangenen Jahren entwickelte sich die PSMA-Radioligandentherapie zu den wichtigsten Innovationen in der Behandlung dieser metastasierten kastrationsresistenten Prostatakarzinome (mCRPC). Die Klinik für Nuklearmedizin am Universitätsklinikum des Saarlandes hat sich unter Professor Samer Ezziddin zu einem internationalen Vorreiter dieser Therapie entwickelt. Dabei wird eine radioaktive Substanz – das Isotop Lutetium-177 – gezielt zu Tumorzellen transportiert. Die Bestrahlung erfolgt von innen, nachdem das Isotop über das Prostataspezifische Membran-Antigen (PSMA) in die Zelle eingeschleust wurde.
„Die bislang etablierten Behandlungen sehen weitgehend feste Dosierungen vor. Viele Patienten mit eingeschränkter Organfunktion oder in schlechterem Allgemeinzustand erfüllen die Kriterien großer klinischer Studien nicht und können häufig nicht von dieser Therapie profitieren“, erläutert Samer Ezziddin. Viele Patienten sind „zu krank“, um für die Therapie infrage zu kommen. Deshalb wurde ein anderer Ansatz gewählt: In der Studie wurden schwer behandelbare Patienten mit individuellen Dosierungen therapiert, obwohl die bisherigen Richtlinien lediglich eine einheitliche Dosierung vorsahen. Dabei flossen unter anderem Nierenfunktion, Blutbild, Tumorlast, Krankheitsdynamik und klinischer Zustand in die Dosierungsentscheidung ein.
Näher am klinischen Alltag
Diese weltweit bislang größte monozentrische Studie basiert auf Daten des REALITY-Registers der Klinik für Nuklearmedizin. Die untersuchten Patienten gehörten zu einer besonders anspruchsvollen Gruppe: Sie erhielten bereits eine Chemotherapie, fast alle litten unter Knochenmetastasen und jeder dritte Patient wies Metastasen in inneren Organen auf. „Ein erheblicher Teil hätte die Einschlusskriterien internationaler Zulassungsstudien nicht erfüllt“, so Samer Ezziddin. Viele betroffene Patienten haben in meist einem der Kriterien schlechte Voraussetzungen, sodass sie nicht für die Radioligandentherapie infrage kommen. „Wir sind also mit unserer Patientengruppe sehr viel näher am klinischen Alltag als viele kontrollierte Studien“, erläutert der Wissenschaftler.
Neue Chancen für schwer Erkrankte
Trotz der ungünstigen Ausgangssituation sprachen viele der 227 Patienten auf die Behandlung an. Bei knapp zwei Dritteln sank der PSA-Wert bereits nach dem ersten Therapiezyklus. Mehr als die Hälfte der Patienten erreichte im Verlauf eine PSA-Reduktion von mindestens 50 Prozent. Das mittlere Gesamtüberleben lag bei 14,5 Monaten – einer Größenordnung, die mit den Ergebnissen großer internationaler Studien vergleichbar ist.
„Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich die PSMA-Radioligandentherapie durch eine individuelle Anpassung auch bei Patienten erfolgreich einsetzen lässt, die im Praxisalltag oft als besonders herausfordernd gelten. Gerade für diese Menschen eröffnet sich so eine zusätzliche therapeutische Perspektive“, sagt Professor Ezziddin. „Bei einer höheren Tumorlast ist also eine viel höhere Dosis möglich, als die bisherigen Richtlinien vorsehen. Damit können wir den Tumor effektiver in Schach halten und die Dosis später verringern, um so die Nebenwirkungen zu vermeiden.“ Diese Strategie ging auf: Die Behandlung erwies sich als gut verträglich, schwerwiegende Nebenwirkungen waren selten. „Die Zukunft der Radioligandentherapie liegt in einer präzisen Anpassung an die individuelle Situation jedes Patienten. Unsere Daten legen nahe, dass wir damit die Grenzen bisheriger Standardkonzepte erweitern können, ohne Abstriche bei der Sicherheit machen zu müssen“, so Samer Ezziddins Schlussfolgerung.
Die Autoren betonen, sie benötigten weitere Studien, um den Nutzen individualisierter Dosierungsstrategien im direkten Vergleich zu Standarddosierungen nachzuweisen. Die veröffentlichten Daten zeigen, dass ein solcher Ansatz das Potenzial besitzt, die Behandlungsmöglichkeiten für Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs zu erweitern.
Quelle: idw/Uni des Saarlandes
Artikel teilen




