Forschende des Universitätsklinikums Freiburg werteten Urinproben von rund 35.000 Personen aus. Jeder Sechste hatte auffällige Nierenwerte, aber nur rund vier Prozent der Teilnehmenden mit auffälligen Befunden berichteten eine passende Diagnose. Außerdem wurden Blutproben von rund 195.000 Erwachsenen ausgewertet. Auch hier zeigte sich, dass bei vielen Menschen eine eingeschränkte Nierenfunktion vorliegen könnte. Die Ergebnisse wurden im Deutschen Ärzteblatt International veröffentlicht.
„Wir mussten feststellen, dass bei einem erheblichen Teil der Probandinnen und Probanden Hinweise auf Nierenerkrankungen vorhanden waren; oft ohne, dass die Betroffenen sich dem bewusst waren“, sagt Prof. Dr. Anna Köttgen, Direktorin des Instituts für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg. „Das könnte auf Defizite bei der Früherkennung oder in der Kommunikation zwischen Patientinnen und Patienten und Ärztinnen und Ärzten hinweisen.“
Ein Großteil berichtete keine Diagnose trotz auffälliger Nierenwerte
Bei Blutuntersuchungen innerhalb der NAKO-Studie zeigten sich bei rund 5.000 der 195.000 Teilnehmenden Auffälligkeiten der Nierenfunktion. Nur 875 dieser Personen berichteten, dass ihnen eine entsprechende ärztliche Diagnose bekannt sei.
In einer Teilgruppe, bei der Urinuntersuchungen vorgenommen worden waren, zeigte sich die Lücke noch deutlicher: 6.213 von 35.461 Teilnehmenden hatten einen oder mehrere auffällige Werte für eine Nierenschädigung. Das entspricht 17,5 Prozent aller Teilnehmenden, etwa jedem Sechsten. Nur etwa vier Prozent dieser Personen berichteten eine entsprechende Diagnose.
„Die Blut- und Urinwerte erfassen unterschiedliche Seiten der Nierengesundheit. Deshalb ergänzen sie sich gut, um die Nierengesundheit zu bewerten“, so Erstautorin Privatdozentin Dr. Peggy Sekula, Statistikerin am Institut für Epidemiologie und Prävention am Universitätsklinikum Freiburg.
Gesundheitsrisiken für Patientinnen und Patienten
Unentdeckte Nierenerkrankungen können fortschreiten und schwere, zum Teil lebensgefährliche Verläufe verursachen. Eine frühzeitige Diagnose und moderne Therapien könnten solche Verläufe verhindern oder hinauszögern. Langfristig könnte eine bessere Früherkennung auch den Bedarf an Nierenersatztherapien wie eine Dialyse oder Transplantation beeinflussen. Das hat die aktuelle Analyse jedoch nicht untersucht.
„Die Studie wirft ein wichtiges Licht auf eine mangelhafte Situation im Bereich der Nierengesundheit“, sagt Prof. Dr. Jan Halbritter, seit kurzem Ärztlicher Direktor der Klinik für Innere Medizin IV mit Schwerpunkt Nephrologie am Universitätsklinikum Freiburg, der selbst nicht an der Studie beteiligt war. „Wir sehen jeden Tag in der Klinik, welche Schäden spät entdeckte Nierenkrankheiten haben. Dabei kommt es darauf an, die jeweilige Ursache möglichst frühzeitig aufzudecken, um spezifisch behandeln und Nierenfunktionsverlust aufhalten zu können.“
Warum die Lücke entsteht
Die Analyse bietet verschiedene Erklärungen für die Lücke zwischen auffälligen Nierenwerten und diagnostizierten Nierenerkrankungen. Klar ist: Eine einmalige Messung reicht nicht für eine Diagnose. Auffällige Werte müssen mit weiteren Tests bestätigt werden.
Manchmal werden Erstbefunde aber nicht konsequent genug nachverfolgt oder verständlich kommuniziert. „Die Ergebnisse sprechen nicht gegen die Diagnostik an sich, sondern dafür, dass es in der Diagnosesicherung, Nachverfolgung und Kommunikation bei Nierenerkrankungen noch Verbesserungspotenzial gibt“, sagt Köttgen.
Die Untersuchungen basieren auf der NAKO Gesundheitsstudie, der größten bevölkerungsbasierten Untersuchung in Deutschland. Bewertet wurden Blutwerte zur Nierenfunktion (glomeruläre Filtrationsrate) sowie Urinwerte zur Nierenschädigung (Albuminurie). Methodisch handelt es sich um eine Querschnittsanalyse ohne Wiederholungsmessungen. Eine endgültige Diagnose lässt sich daraus nicht ableiten. Frühere Studien zeigen jedoch, dass sich auffällige Befunde häufig bestätigen.
Quelle: idw
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