Ich erinnere mich an einen früheren Grundschultag. Mein Thema war damals die Blutgruppe. Dafür hatte ich ein Schaubild gemalt. Erythrozyten mit Knübbelchen waren die der Blutgruppe A, die mit kleinen Spitzen hatte ich Blutgruppe B genannt. Entsprechend wurde die Blutgruppe O und AB gezeigt. Dazu gab es kleine Antikörper und auch ein Bild mit agglutinierten Erythrozyten.
Warum erzähle ich das? Weil ich Röhrchen vorbereitet hatte, um im Beisein der Kinder Antiseren auf meine Proben zu tropfen, um eine Agglutination zu zeigen. In einer Gruppe fragte ein Mädchen: „Ist das echtes Blut?“ Nach meiner Antwort, „ja es ist echt“, kollabierte sie und lag ohnmächtig am Boden. Deshalb habe ich für heute das Thema Bakterien gewählt.
Es schellt an der Labortüre. Die erste Gruppe ist da. Ich führe sie zu dem vorbereiteten Tisch.
„Ihr müsst euch erst einmal schützen“, sage ich. Jedes Kind bekommt Handschuhe, einen Einmalschutzkittel und, der Renner an jedem Grundschultag, Schutzbrillen mit bunten Bügeln in Pink, Blau, Grün oder Gelb. Die Schutzbrillen dürfen die Kinder später mit nach Hause nehmen.
Die Kinder nehmen die Sache ernst. Das merkt man daran, dass sie nicht lachen und herumflachsen, wenn sie sich gegenseitig mit Handschuhen und Brille sehen. Ein Kind trägt an einem Unterarm einen Gips. Ich helfe ihm deshalb, die Handschuhe anzuziehen. Erst als die Ambulanzschwester und die Lehrerin auch anderen Kindern mit den Handschuhen helfen, sehe ich, dass alle einen Gips tragen. Ich ahne, welche Abteilung bereits besucht wurde.
Nun beginne ich mein Thema Bakterien mit der Erklärung, dass wir sie sichtbar machen müssen. Ich frage, ob einer eine Idee hat, wie man das machen kann. Sofort schnellen zwei Arme nach oben (ich muss mich wieder daran gewöhnen, dass man während der Schulzeit nicht einfach spricht, sondern sich melden muss) und man gibt mir eine richtige Antwort: „Da guckt man durch so ein Rohr und sieht sie.“ „Ja“, bestätigt das zweite Kind. „Wie ein Fernrohr.“
„Richtig, ihr meint das Mikroskop. Im Mikroskop sehen wir alles 1.000-mal größer. Und dann sind die winzig kleinen Bakterien zu sehen.“
Ich hatte mir vorab von der KI einen für Grundschüler verständlichen Vergleich geben lassen, um die Winzigkeit eines Bakteriums anschaulich zu machen. Wie war das noch ...? Ich glaube so: „Die Bakterien sind ja sehr sehr klein. Wenn die Erde ein Apfel wäre, wäre das Bakterium ein richtiger Apfel ...“ Im Augenwinkel sehe ich die Ambulanzschwester grinsen.
„Was? Die Erde ist ein Apfel? Warum?“
„Nee, wenn ein Apfel eine Erde wäre ...“
„Christel, lass es!“, lacht sie und ich sehe an den nun eher verständnislosen Gesichtern der Kinder, dass ich weitermachen sollte.
„Es gibt noch eine zweite Methode, wie ich Bakterien sichtbar machen kann“, fahre ich fort.
Ich habe vorab ein Schaubild kreiert.
Mithilfe dieses Bildes zeige ich, wie sich ein Bakterium einschnürt und daraus zwei werden, aus zwei vier, dann acht und ganz schnell Millionen von Bakterien, die als Kolonie mit bloßem Auge zu sehen sind. Nun hole ich die vorbereiteten Nährbodenplatten hervor.
„Wenn die Bakterien sich ganz oft vermehrt haben, liegen sie gehäuft auf einem ‚Knubbel‘. Das habt ihr ja auf dem Bild gesehen. Dieser Knubbel heißt Kolonie. Und hier auf dieser Platte könnt ihr die Kolonien sehen.“
Das finden die Kinder und auch die Lehrerin mal so richtig interessant. Jetzt kommen Fragen, was die Bakterien machen und warum man krank wird und ob alle so böse sind. Es ist schwierig für mich, diese Fragen so zu beantworten, dass ein Kind sie versteht.
Wir kommen zurück zu meinen Nährbodenplatten.
„Die Bakterien haben alle eine Bezeichnung. Dieses hier …“, und ich zeige auf eine Kolonie, „… ist der Staphylococcus aureus.“
Von der Reaktion auf den Namen hatte ich mir mehr erwartet. Ich finde nämlich, diese Bezeichnung könnte auch aus Harry Potter stammen. Etwa so: „Dumbledore drehte sich um und schwang seinen Zauberstab auf den Staphylococcus aureus.“ Dabei das Wort wie einen Zauberspruch betonen.
Die Kinder in meinem Labor hingegen nahmen den Namen einfach hin. Na gut, weiter geht’s.
„Jetzt gehen wir mal zum Mikroskop und schauen uns Bakterien an“, sage ich.
„Au ja!“, rufen die Kinder.
Ich finde es toll, mir Dinge unter dem Mikroskop anzuschauen. Leider benötigt man etwas Übung, um etwas zu sehen. Ein paar Kinder haben es schnell raus, wie man durch das Okular schaut, um etwas zu sehen. Andere jedoch beschweren sich, dass alles schwarz wäre.
Ein Junge schaut kurz und schreit auf: „Da ist eine Spinne!“
Ich vermute, er hat seine eigenen Wimpern gesehen. Je nachdem, wie man sein Auge am Okular hat, spiegeln sich die Wimpern und erscheinen riesig.
Ein Mädchen traut sich nicht so recht.
„Ich hab Angst“, sagt sie skeptisch am Mikroskop.
Die Ambulanzschwester schaut auf die Uhr. Das Zeichen, dass sie weiter müssen. Jeder bekommt noch eine Kopie des Bakterien-Vermehrungs-Schaubilds mit nach Hause, diesmal ein Exemplar zum Ausmalen. Dann Kittel aus, Handschuhe aus, Hände desinfizieren.
Ich höre sie noch im Flur. „Voll cool, die Bakterien, die ich gesehen habe, waren so groß.“ „Mir juckt der Gips.“ „Hast du auch eine pinke Brille?“ „Nee, ich wollte lila.“ .
Dann ist Stille. Bis die nächste Gruppe kommt.
Entnommen aus MT im Dialog 08/2026
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