Sven-Ivar Seldinger (1921–1998): Pionier der interventionellen Radiologie
1952 stellte Seldinger seine neue Technik beim Treffen der „Nordic Association of Medical Radiology“ in Helsinki vor, 1953 publizierte er sie erstmals in der Zeitschrift „Acta Radiologica“. Damit gilt er als Vorläufer und Begründer der interventionellen Radiologie. Torgny Greitz zufolge hat kein einzelner technischer Beitrag die Entwicklung der Angiografie und interventionellen Radiologie so beeinflusst wie Seldingers Entdeckung. Sie löste etliche andere, bis dahin übliche Verfahren ab, die jedoch teilweise deutlich aufwendiger und unsicherer waren. Auf die Erstveröffentlichung folgten zahlreiche Berichte über den erfolgreichen Einsatz der neuen Technik, und mehrere Jahre hatte der Name Seldinger seinen festen Platz in der wissenschaftlichen Literatur. Seldinger nutzte die Methode für die Arteriografie der Extremitäten, die Messung des Drucks in der Portalvene und die Katheterisierung von Leber und Milz. Durch die Einführung minimalinvasiver Verfahren hat seine Innovation Behandlungsrisiken und Beschwerden von Patientinnen und Patienten erheblich verringert und das Spektrum therapeutischer Möglichkeiten in der Medizin erweitert.
Promotion 1966
Seldinger wurde 1921 in der kleinen Stadt Mora im Norden Schwedens geboren. Er blieb dieser Gegend zeitlebens eng verbunden. Seine Vorfahren betrieben seit mehreren Generationen die Mora Mekaniska Verkstad, einen Maschinenbaubetrieb, und galten als technisch äußerst begabt. So war er von früh auf von technisch kreativen Menschen umgeben, die seine intellektuelle Entwicklung maßgeblich beeinflussten. Er besuchte die Schule in Mora und Falun und studierte dann Medizin am Karolinska-Institut in Solna bei Stockholm. Nach Abschluss des Studiums arbeitete er zunächst an verschiedenen Krankenhäusern, früh interessierte er sich für Radiologie. 1948 heiratete er Britt-Lis Erlandsson, die beiden hatten drei Töchter. Von 1949 bis 1966 arbeitete er am Karolinska-Krankenhaus, wo er sich zum Radiologen ausbilden ließ. 1966 wurde er hier mit einer Arbeit über „perkutane transhepatische Cholangiographie“ promoviert. Nach einem kurzen Abstecher in Wissenschaft und Lehre übernahm er die Leitung der radiologischen Abteilung im Krankenhaus seiner Heimatstadt Mora.
Fast zwei Jahrzehnte verbrachte Seldinger am Karolinska-Krankenhaus. Hier kam er auf die Idee seiner Kathetertechnik und zeigte in Phantomexperimenten, wie man über die Femoralarterie alle Arterien des menschlichen Körpers erreichen kann. Dabei benutzte er Nebenschilddrüsenarterien und Nierenarterien als Beispiele. Auch er hatte Vorläufer: 1929 hatte Werner Forßmann (1904–1979) bei sich selbst die erste Herzkatheterisierung durchgeführt und durch ein Röntgenbild dokumentiert. Der französisch-US-amerikanische Mediziner André F. Cournand (1895–1988) und der Physiologe Dickinson W. Richards (1895–1973) bauten auf Forßmanns Arbeiten auf und wandten die Rechtsherzkatheterisierung bei verschiedenen Erkrankungen an. Bis 1941 schufen sie die Grundlagen für die Herzkatheteruntersuchung als klinische Routinemaßnahme. „Für ihre Entdeckungen zur Herzkatheterisierung und zu den pathologischen Veränderungen im Kreislaufsystem“ erhielten Forßmann, Cournand und Richards 1956 den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin. Die Arteriografie akzeptierte man zu dieser Zeit nur zögerlich. Periphere Gefäße wie die Femoralarterie und die Arteria carotis waren leicht zu erreichen und wurden mit Nadeln punktiert. Die Aorta und ihre Äste machte man sichtbar, indem man die Aorta vom Rücken her punktierte und ein Kontrastmittel injizierte: 1929 entwickelte der portugiesische Chirurg Reynaldo dos Santos mit seinen Mitarbeitern Augusto Lamas und J. Pereira Caldas die Technik der translumbalen Aortografie, zwei Jahre später publizierten sie ihre Ergebnisse. Details der Viszeralarterien, der thorakalen und aufsteigenden Aorta sowie des Aortenbogens konnten nicht visualisiert werden. Versuche, dies mit einem Katheter statt einer Nadel zu erreichen, wurden nur vereinzelt unternommen.
Schwerer Anfall von gesundem Menschenverstand
In den 1940er-Jahren entwickelte Pedro Farinas (1892–1951), kubanischer Radiologe und Experte für Thoraxerkrankungen, eine Technik der Aortografie, indem er einen Urethral-Katheter über eine chirurgisch freigelegte Femoralarterie einführte. 1941 stellte er seine Ergebnisse unter großem Beifall beim jährlichen Treffen der „American Roentgen Ray Society“ in Boston vor. Doch C. Sidney Burwell, Dekan der Harvard Medical School, war skeptisch: „Ich kann mich einfach nicht überzeugen lassen, dass die Punktion der Femoralarterie und das Einführen eines Katheters ein kleiner, risikoloser Eingriff ist.“ Die Society verlieh Farinas zwar im nächsten Jahr ihre begehrte Goldmedaille, doch Ärztinnen und Ärzte mochten Farinas Methode nicht anwenden. Er selbst gab diesen Ansatz schließlich auf, machte die „Kriegsumstände“ und die Schwierigkeit, an Gummikatheter zu gelangen, dafür verantwortlich. Trotz des Krieges machte man chirurgische Fortschritte, etwa in der Behandlung des offenen Ductus arteriosus und der Aortenisthmusstenose. Diese erforderten wiederum technische Fortschritte in der Radiologie. Schweden blieb von den Verwüstungen des Krieges verschont. 1948 katheterisierte Stig Radner in Lund eine chirurgisch präparierte Radialarterie und führte eine thorakale Aortografie durch. Dazu verwendete er einen Führungsdraht, um den Katheter zu versteifen und eine genauere Platzierung der Katheterspitze zu ermöglichen. Doch auch hier bestand das Risiko einer Narbenbildung und Verengung des Gefäßlumens. Zehn Jahre nach Farinas kehrte E. Converse Peirce in den USA zur Femoralarterie zurück und verwendete erstmals einen Polyethylenkatheter. Das ermöglichte Seldinger schließlich, seine Methode zu entwickeln.
Seldinger hat die Geschichte seiner Entdeckung selbst erzählt. Nach einem kurzen Überblick über den Stand der Technik Anfang der 1950er-Jahre schrieb er: „Daher bestand offensichtlich ein Bedarf an einer verbesserten perkutanen Methode für die Aortographie, und eine der Anforderungen an die Lösung war ein erweiterter Innendurchmesser des Katheters. Solch ein größeres Kaliber wäre von erheblichem Vorteil. Nach dem Gesetz von Poiseuille ist die Durchflussrate durch ein langes, schmales Rohr – bei Konstanz aller anderen Faktoren – ungefähr proportional zur vierten Potenz des Durchmessers. Beim Verdoppeln konnte die Injektionszeit durch 16 geteilt werden! Es existierte ein Punktionsinstrument, benannt nach Cournand, das aus einer inneren scharfen Nadel in einer äußeren stumpfen Kanüle bestand, wobei die Nadelspitze die Kanüle um ein oder zwei Millimeter überragte. Eine Alternative wäre, einen flexiblen Katheter anstelle der Kanüle zu verwenden, aber es wäre sicherlich schwierig, eine innere Nadel von einem halben Meter Länge zu handhaben. Ich habe dieses Problem vermieden, indem ich in einen Polyethylenkatheter ein seitliches Loch so geschnitten habe, dass eine schneidende Nadel von passender Länge beim Durchführen die Katheterspitze um ein oder zwei Millimeter überragt. Nach einiger Formung des Katheters und einem winzigen Hautschnitt konnte dieses Instrument durch perkutane Punktion in die Arterie eingeführt werden. Diese Technik hatte einige offensichtliche Nachteile. Zum Beispiel waren die dünnwandigen Katheter so flexibel, dass es manchmal unmöglich war, sie weiter ins Gefäß einzuschieben. Diese Schwierigkeit konnte überwunden werden: Wenn die intravaskuläre Position erreicht war, konnte die Nadel aus dem Seitenloch gezogen und durch einen halbflexiblen Metalldraht ersetzt werden, der über die gesamte Länge des Katheters geführt wurde, um ihn zu stützen. Jetzt! Nach einem erfolglosen Versuch, diese Technik anzuwenden, war ich enttäuscht und traurig, mit drei Gegenständen in der Hand – einer Nadel, einem Draht und einem Katheter – und ... In einem Bruchteil einer Sekunde wurde mir klar, in welcher Reihenfolge ich sie verwenden sollte: Nadel rein – Führungsdraht durch die Nadel rein – Nadel raus – Katheter über den Draht vorschieben – Draht raus. Man hat mich gefragt, wie diese Idee entstanden sei, und ich zitiere Phokion, den Griechen: ‚Ich hatte einen schweren Anfall von gesundem Menschenverstand.‘ Mit dem ‚Anfängerglück‘ war die erste Angiographie mit dieser Technik erfolgreich. Eine Subclavia-Arteriographie (…), bei der der Katheter nach Punktion in der Ellbeuge durch die Brachialarterie eingeführt wurde, zeigte ein mediastinales Nebenschilddrüsenadenom, das der Chirurg bei einer früheren operativen Untersuchung erfolglos suchte.“
Wertschätzung kam erst spät
Seldingers Technik verfeinerte das von Farinas beschriebene Verfahren erheblich und modifizierte Cournands Technik bei der kardialen Katheterisierung. Oft erfahren Pioniere nicht sofort die Wertschätzung, die ihnen zukommt. So ging es auch Seldinger: Der Chef der Radiologieabteilung des Karolinska-Krankenhauses hielt seine neue Technik für eine Dissertation nicht für ausreichend. Seldinger musste also ein weiteres Projekt in Angriff nehmen – die perkutane Cholangiografie. Doch im Lauf der Zeit wurden seine Beiträge anerkannt und Seldinger erhielt zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen. Ein Artikel in der Januarausgabe 1984 des „American Journal of Roentgenology“ unter dem Titel „A Tribute to Sven-Ivar Seldinger“ machte ihn Greitz zufolge besonders glücklich. Herbert Abrams, prominenter Radiologieprofessor der Harvard Medical School, schrieb hier über Seldingers Beiträge: „Im Wandel der Angiographie von der Rolle eines Nebenspielers zur Protagonistin im Spektrum der diagnostischen Medizin hat wahrscheinlich kein einzelner Beitrag schwerer gewogen als die von Sven Seldinger entwickelte Technik. Zu einem großen Teil liegen ihre Eleganz und ihr Nutzen in ihrer Schlichtheit, und obwohl Seldinger mit seinem Beitrag bescheiden war, bedurfte es sowohl Brillanz als auch Kreativität, um die Angiographie in eine neue Epoche und auf ein neues Feld zu führen. Wir alle in der Radiologie schulden Seldinger große Anerkennung für seinen Weitblick. Sein Beitrag führte das Fachgebiet in eine neue und spannende Richtung und hinterließ einen bleibenden Eindruck in der medizinischen Bildgebung und in der diagnostischen und therapeutischen Medizin.“
„Sven-Ivar hatte ein bescheidenes und etwas schmollendes Auftreten, das nicht immer Leute anzog, die ihm begegneten. Wir, die wir ihn kennenlernten, lernten bald seine Aufrichtigkeit und Fürsorge für andere zu schätzen. Er war ein guter und verlässlicher Freund“, schrieb Torgny Greitz über Seldinger.
Literatur (Auswahl)
1. Doby T: A tribute to Sven-Ivar Seldinger. American Journal of Roentgenology 1984; 142 (1): 1–4.
2. Greitz T: Sven-Ivar Seldinger. AJNR Am J Neuroradiol 1999; 20 (6): 1180–81.
3. Seldinger SI: Catheter replacement of the needle in percutaneous arteriography; a new technique. Acta radiologica 1953; 39 (5): 368–76.
4. Seldinger SI: A Leaf out of the History of Angiography. In: Silvestre ME, Abecasis F, Veiga-Pires JA (Hrsg.): Pioneers in Angiography. Amsterdam: Elseviers Science Publishers 1987.
5. Barton M, Grüntzig J, Husmann M, Rösch J: Balloon angioplasty – the legacy of Andreas Grüntzig, M.D. (1939–1985). In: Frontiers in Cardiovascular Medicine 2014; online (letzter Zugriff am 13.02.2026).
6. Hafiani H, Charif Saibari R, Morsad N, Rami A: Sven Ivar Seldinger (1921–1998): The Founding Father of Interventional Radiology. Cureus 2024; 16 (5): e60397, DOI: 10.7759/cureus.60397.
Entnommen aus MT im Dialog 04/2026
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